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12.01.2024 |   News

Tübinger Sportsoziologe Prof. Dr. Helmut Digel 80 Jahre alt

06.01.2024

Der Tübinger Sportwissenschaftler und Sportsoziologe Prof. Dr. Helmut Digel hat am Sonnabend, dem 6. Januar 2024, sein 80. Lebensjahr vollendet. Der langjährig weltweit tätige Sportfunktionär kann auf eine einzigartige „duale Karriere“ in der Sportwissenschaft und innerhalb der Sportorganisationen zurückblicken, die ihresgleichen sucht. 

Helmut Digel wurde in Aalen im Osten Baden-Württembergs geboren. Seine eigene Sportbiografie hatte neben der Liebe zur Leichtathletik und später zum Skisport bald einen Höhepunkt im Handball, wo er von 1964 bis 1976 beim SV Möhringen, einem Stuttgarter Sportverein, vorzugsweise auf der Position „Rückraum-Mitte“ als Gründungsmitglied in der (damals noch zweigleisigen) Bundesliga spielte. Nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn war es auch der Handballsport, der ihm neben seinem Studium eine Trainerlaufbahn eröffnete.

Helmut Digel studierte in Tübingen die Fächer Germanistik, Sportwissenschaft und Erziehungswissenschaft für das Lehramt am Gymnasium und wurde 1976 bei Ommo Grupe (1930-2015) mit einer bis heute wegweisenden (empirischen) Arbeit über „Sprache und Sprechen im Sport. Eine Untersuchung am Beispiel des Hallenhandballs“ promoviert. Er lehrte als ordentlicher Universitäts-Professor zunächst an der Goethe-Universität in Frankfurt und danach an der TH Darmstadt, bevor er dem Ruf auf die Nachfolge von Grupe in Tübingen folgte und hier von 2002 bis 2010 bis zu seiner Emeritierung das in Fachkreisen hoch angesehene Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen als Direktor leitete. Digel hatte auch mehrere Rufe von anderen Universitäten (hier: Hamburg, Bielefeld und Bayreuth) erhalten, diese aber abgelehnt.

In Lehre und Forschung hat sich Helmut Digel überwiegend mit sportsoziologischen Fragen des Sports, insbesondere des Hochleistungssports, des olympischen Sports, aber auch des Sports in Vereinen und Verbänden befasst. Zu seinem gedruckten Werk gehören allein über 30 Monografien und weitere zwölf Bände, bei denen Helmut Digel als (Mit-) Herausgeber fungiert. Stellvertretend seien hier wenigstens vier aus vier Jahrzehnten genannt, die auch etwas von der thematischen Breite seines Schaffens andeuten: Sport in der Entwicklungszusammenarbeit (1989), Probleme und Perspektiven der Sportentwicklung – dargestellt am Beispiel der Leichtathletik (1997), Über Ethik, Globalisierung, Frieden und Olympismus (2007, zusammen mit Ommo Grupe) und Verlorener Kampf. Über Betrug im Sport (2013).

Helmut Digel hat während seiner Berufsbiografie durchgängig wie (vermutlich) niemand anderes aus der Sportwissenschaft zahlreiche nationale und internationale ehrenamtliche Funktionen im Sport übernommen – es seien exemplarisch nur die folgenden in Erinnerung gerufen: Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV, 1993-2000, ab 2002 Ehrenpräsident), Mitglied und Vizepräsident im Nationalen Olympischen Komitee (1993-2002 und danach von 2002 bis zur Auflösung 2006 Ehrenmitglied); von 2001 bis 2007 war Digel Vizepräsident des Internationalen Leichtathletikverbandes (IAAF), von 2007 bis 2015 gehörte er dem Council der IAAF an. Im (damaligen) Deutschen Sportbundes (DSB) gehörte er u.a. von 1978 bis 1990 dem wissenschaftlichen Beirat des DSB an, davon die meiste Zeit als leitendes Mitglied. Von 1990 bis 1994 war er Vorsitzender des Bundesausschusses für Bildung, Gesundheit und Wissenschaft und damit Mitglied im Präsidium des DSB. In dieser Zeit sind mit seiner Beteiligung u.a. wichtige bildungs- und wissenschaftspolitische Papiere wie ein Memorandum zur Sportwissenschaft und zum Hochschulsport sowie das 2. Aktionsprogramm zum Schulsport entstanden.

Nicht vergessen werden dürfen seine Engagements in der (damals jungen) Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs): Hier zählte Digel Anfang der 1980er Jahre zu den Gründungsmitgliedern der Sektion Sportsoziologie und half beim weiteren Aufbau der Sektion; später war er u.a. vier Jahre lang Vorstandsmitglied unter der Präsidentschaft des Bielefelder Sportpädagogen Dietrich Kurz (1942-2023). Für seine ehrenamtliche Arbeit wurde Helmut Digel u.a. mit dem „Fair Play“-Preis des Deutschen Sparkassenverbandes und mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Für seine wissenschaftliche Arbeit verlieh ihm das IOC im Jahre 2000 den „President´s Price“. Für die Verdienste um das Land Baden-Württemberg wurde ihm im Jahr 2004 vom Ministerpräsidenten des Landes die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg verliehen. In den Jahren 1994 und 1998 war Helmut Digel Sportfunktionär des Jahres.

Nach seinem Rückzug von den Tätigkeiten in der nationalen und internationalen Leichtathletik hat sich Helmut Digel gegen Vorwürfe wehren müssen, die ihn in Verbindung mit den kriminellen Dopingmachenschaften des Präsidenten der IAAF gebracht hatten. Dabei hat er stets beteuert und öffentlich vertreten, dass sein Engagement in den Organisationen des Sports einzig und allein im Anti-Doping-Kampf begründet ist. Dies war der Grund, warum Theo Rous (89), der damalige Vorsitzende der Anti-Doping-Kommission des DLV, ihn 1993 gebeten hatte, für das Amt des DLV-Präsidenten zu kandidieren, um dem DLV bei seinen umfassenden Dopingproblemen zu helfen (erinnert sei u.a. an den Medikamentenmissbrauch von Katrin Krabbe und den Dopingtod von Birgit Dressel). Helmut Digel war gegenüber dem damaligen Bundesinnenminister Otto Schily (91) der Erste, der ein Anti-Doping-Gesetz gefordert hat. Bereits 1999 hatte Digel u.a. vorgeschlagen, die Weltrekordlisten in der Leichtathletik ab 2000 neu zu eröffnen, um damit einen Schlussstrich unter das Zwangsdoping in der DDR zu ziehen.

Auch als Ruheständler ist Helmut Digel weiterhin „weltweit“ schreibaktiv: Sein Online-Portal „sport-nachgedacht.de“ enthält vorwiegend essayistische Beiträge zu aktuellen Fragen und Problemen sowie zur kritisch-konstruktiven Entwicklung des Sports – zuletzt u.a. zur beabsichtigten deutschen Olympia-Bewerbung.

Pünktlich zum 80. Geburtstag ist von Helmut Digel ein beachtenswerter Bildband mit „Achentaler Sportgeschichten“ erschienen, in dem z.B. Sportpersönlichkeiten der Region vorgestellt werden (hier auch: Hans und Traudl Hächer, Tim und Veronique Hronek): Seit nunmehr zehn Jahren wohnt Digel in den Chiemgauer Alpen, wohin ihn seine Frau zum Umzug von Tübingen aus überredet hatte. Das Achental im Landkreis Traunstein ist so gesehen auch seine neue sportliche Heimat geworden, nicht nur, aber auch z.B. mit den „Donnerstags-Radlern“ und mit den Altersturnern des SV Unterwössen, von denen im neuen Buch ebenfalls die Rede ist … und wo Helmut Digel jetzt in der „AK 80“ weiterhin aktiv sein wird! 

Prof. Dr. Detlef Kuhlmann
Leibniz Universität Hannover
(während der dvs-Vorstandszeit von Helmut Digel war Detlef Kuhlmann ehrenamtlicher dvs-Geschäftsführer) 

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