Netzwerke und Vernetzung im Sport – Zugänge, Risiken, Potentiale

Jahrestagung der dvs-Sektion Sportsoziologie & Sektion Sportökonomie (AK Sportökonomie)
6. bis 8. Mai 2020 in Paderborn

Ob Unternehmensnetzwerke, Nachbarschaftsnetzwerke, Policy-Netzwerke, Selbsthilfenetzwerke, Innovationsnetzwerke, Technologietransfernetzwerke oder gar Terrorismusnetzwerke – die Erscheinungsformen von sozialen Netzwerken sind äußerst vielfältig und zweifellos ein Kernelement der Gesellschaft. Im Zuge der voranschreitenden Digitalisierung wird die Netzwerkbildung gegenwärtig um die Komponente der technischen Vernetzung (in) der Gesellschaft bereichert. Dies beinhaltet das digitale Sammeln, Speichern, Finden, Austauschen sowie Aus- und Verwerten von Daten in einem bislang ungekannten Ausmaß und hat enorme Auswirkungen auf nahezu jeden gesellschaftlichen Bereich. Algorithmen und Künstliche Intelligenz bestimmen den weltweiten Börsenhandel, Verkehrsströme werden durch GPS und Navigationssysteme gesteuert und neue Informations- und Kommunikationsmedien lassen zunehmend neue Formen der Sozialität entstehen: Facebook, Instagram, Twitter, Whatsapp, Xing sind nicht nur technische Infrastrukturen, sondern begründen die Etablierung sozialer Netzwerke und virtueller Gemeinschaften. In diesem Sinne schafft Technik immer auch Gesellschaft.

In der Wissenschaft lassen sich unterschiedliche Ansätze und Zugangsweisen zur Auseinandersetzung mit Netzwerken und Vernetzung finden. In den Wirtschaftswissenschaften werden Netzwerke beispielsweise aus transaktionskostenökonomischer Perspektive als eine weitere Koordinationsform neben Hierarchie (Organisation) und Markt analysiert. In der Soziologie werden Netzwerke u.a. als sich selbsterzeugende und selbststeuernde (soziale) Systeme untersucht, welche die Kooperation autonomer, aber interdependenter Akteure auf Basis von Reziprozität, wechselseitigem Vertrauen und relativer inhaltlicher Offenheit stabilisieren. Dabei werden sowohl individuelle als auch korporative Akteure (Organisationen) betrachtet. Die Akteur-Netzwerk-Theorie geht sogar noch einen Schritt weiter, indem sie neben sozialen Akteuren auch natürliche Entitäten und vor allem technische Artefakte in die Netzwerkanalyse einbezieht, was gerade mit Blick auf Digitalisierung besondere Anschlussmöglichkeiten erzeugt.

Zusätzlich zu den auf der Ebene der Theoriebildung vorliegenden elaborierten Ansätzen lassen sich auch auf der Ebene der Methoden erfolgsversprechende Verfahren identifizieren, welche die empirische Erforschung von sozialen Netzwerken nachhaltig vorangetrieben haben.

Die Tagung nimmt die diversen Erscheinungsformen von Netzwerken und Vernetzungen im Kontext des Sports aus soziologischer und ökonomischer Perspektive in den Blick. Ziel der Tagung ist es, Zugänge, Risiken und Potentiale von Netzwerken und Vernetzung im Sport vor dem Hintergrund sich verändernder gesellschaftlicher Rahmenbedingungen zu beschreiben und zu diskutieren.

Exemplarische Fragestellungen

  • Inwieweit lassen sich Netzwerke im organisierten Sport entdecken, die parallel zu hierarchischen und demokratischen Strukturen ihre Wirkung entfalten bzw. diese unterlaufen?
  • Inwieweit greifen Digitalisierungsprozesse in Verbänden und Vereinen? Welche Folgen hat dies für das Vereinsleben, wenn Mitglieder zusätzlich zu face-to-face nun gleichzeitig auch über Internetforen, WhatsApp, Instagram miteinander kommunizieren? Welche Möglichkeiten der Mitbestimmung resultieren aus der Nutzung digitaler Kommunikationsformen?
  • Welche Möglichkeiten der Wissensvermittlung eröffnen sich für Vereine und Verbände? Welche Folgen hat der Einsatz digitaler Medien (z.B. das DFBnet im Fußball) für das Verhältnis Verband und Vereine? Welche neuen Anforderungen stellen sich für das Ehrenamt? Welche Aufgaben und Rollen werden hingegen obsolet?
  • Welche Chancen und Risiken bieten Netzwerke als neuer Steuerungsmodus in der Sportentwicklungsplanung, d.h. im Spannungsfeld zwischen Politik/Verwaltung, Wirtschaft, Medien sowie organisiertem und informellem Sport?
  • Welche Vermarktungsmöglichkeiten bieten Social Media im (Spitzen-)Sport und wo liegen deren Grenzen?
  • Wie gelingt es Spitzensportler*innen und Clubs via Social Media mit ihren Fans zu kommunizieren? Welchen Gesetzmäßigkeiten unterliegen derartige Prozesse?
  • Wie funktionieren Scouting- und Sichtungsnetzwerke und welchen Einfluss haben Digitalisierungsprozesse auf die darin stattfindenden Selektionsprozesse?
  • Inwieweit sind netzwerkartige Strukturen auf organisationaler wie auch individueller Ebene geeignete Koordinations- und Kooperationsformen, um den komplexen Voraussetzungen spitzensportlicher Leistungserbringung wirkungsvoll zu begegnen?
  • In welchem Maße wird informeller Sport durch lokale oder globale Netzwerke getragen? Und welche Strukturen müssen solche Netzwerke aufweisen, damit sie sich als stabil erweisen? Welche Bedeutung haben hierbei Social Media-Plattformen wie Youtube, Instagram, Facebook?
  • Inwieweit bringen Trainingsapps (wie z.B. Runtastic, Strava, Zwift) neue Formen des individuellen und kollektiven Sporttreibens hervor? Auf welchen Strukturen basieren die Leistungsvergleiche und Wettkämpfe in derartigen virtuellen Sportarenen? Wie erfolgen Regelüberwachung, soziale Anerkennung und Vergemeinschaftung? Sind sie eine Alternative oder gar Konkurrenz zum vereins- und verbandsorganisierten Sport?

Darüber hinaus sind weitere einschlägige Themen aus den Bereichen Sportsoziologie, Sportökonomie und Sportmanagement willkommen.

Hinweise für die Einreichung von Beiträgen
Als Beiträge können theoretisch-konzeptionelle Arbeiten, forschungsmethodische Zugänge oder empirische Forschungsergebnisse rund um das Themenfeld Netzwerke und Vernetzung im Sport vorgestellt werden.
Vorschläge für Beiträge sollten folgende Angaben beinhalten: Problem- und Fragestellung, theoretische Bezüge, Methode, Erkenntnisse. Diese Abstracts sind als Word-Dokument (max. 1500 Zeichen inkl. Leerzeichen, Literaturangaben eingeschlossen) bis zum 17. Februar 2020 zu senden an: Lars.Riedl@uni-paderborn.de
Über die Annahme des Beitrags entscheidet das Wissenschaftliche Komitee unter Leitung von Prof. Dr. Bernd Frick, Prof. Dr. Gregor Hovemann, Dr. Marc Kukuk, Prof. Dr. Heiko Meier und Dr. Lars Riedl bis zum 06. März 2020. Eine Benachrichtigung erfolgt direkt im Anschluss.
Wir freuen uns auf Ihre Beiträge!

Tagungskonzept
Arbeitskreise dauern in der Regel 120 Minuten und umfassen je drei Beiträge (Vortrag ca. 20-25 Min., Diskussion ca. 15-20 Min.). Bereichert wird die Tagung durch Hauptvorträge namhafter Wissenschaftler*innen. Zugesagt haben bereits Prof. Dr. Johannes Weyer (TU Dortmund), Prof. Dr. Kirsten Thommes (Universität Paderborn) und Prof. Dr. Gregor Engels (Universität Paderborn). Geplant ist darüber hinaus eine Podiumsdiskussion zur Bedeutung von Netzwerken im Leistungs- und Spitzensport.

Im Vorfeld der Tagung sind Nachwuchsworkshops der beteiligten Sektionen vorgesehen. Einladungen und nähere Informationen hierzu werden Anfang 2020 bekannt gegeben. Unabhängig davon sind Beiträge von Nachwuchswissenschaftler*innen im Rahmen der Tagung ausdrücklich erwünscht.
Die Zeitschrift „Sport und Gesellschaft – sport and society“ plant im Anschluss an die Tagung ein Themenheft herauszugeben, in dem ausgewählte Beiträge, die das reguläre Review-Verfahren erfolgreich durchlaufen haben, veröffentlicht werden.

Weitere Informationen finden Sie demnächst auf der Tagungshomepage www.sektionstagung2020.de und auf der Homepage der Sportsoziologie in Paderborn www.sportsoziologie-paderborn.de

Kontakt
Prof. Dr. Heiko Meier
Universität Paderborn
Warburger Straße 100
33098 Paderborn
Tel.: +49 5251 60-3136
E-Mail: Heiko.Meier@uni-paderborn.de