Positionspapier der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft e. V. (dvs) in Zusammenarbeit mit der Interessenvertretung des informellen Sports in Deutschland (idisid), dem Forschungsverbund Kinder- und Jugendsport NRW und der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (Fachgruppe Bewegung, Sport und Körper)
Einleitung
Ob Joggen im Park am frühen Morgen, Skateboardfahren nach der Schule oder Wandern am Wochenende: informell Sport zu treiben, bildet für viele Menschen ein wesentliches Element ihrer persönlichen Freizeitgestaltung. Europaweit deuten Partizipationszahlen darauf hin, dass fast die Hälfte aller körperlich aktiven Menschen draußen informell Sport treiben (47 % in Parks, unter freiem Himmel etc.; European Commission, 2022). Der Prozess fortschreitender gesellschaftlicher Modernisierung geht auch mit einer Ausdifferenzierung der Sport- und Bewegungskultur einher, in der Flexibilität, Diversität und Autonomie von Subjekten sowie die Verfügbarkeit von Angeboten an Bedeutung gewinnen. Um dem gerecht zu werden, wird auch im vorliegenden Positionspapier von einem offenen Sportverständnis ausgegangen: als Spiel- und Bewegungskulturen, die mit körperlichen Mitteln praktiziert werden. Während sich die ökonomische Relevanz des informellen Sports beispielsweise daran festmachen lässt, dass 81 Prozent aller sportbezogenen Konsumausgaben von Privatpersonen auf das informelle Sporttreiben entfallen (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie & Bundesinstitut für Sportwis-senschaft, 2019), erscheint die gegenwärtige Repräsentation informellen Sports in Wissenschaft und Politik seiner gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Relevanz (noch) nicht hinreichend Rechnung zu tragen.
Die Bedeutsamkeit des informellen Sports für eine bewegungsaktive Gesellschaft darzulegen, ist zentrales Anliegen des vorliegenden Positionspapiers. Dabei gehen wir davon aus, dass die Unterstützung von Bewegung, Spiel und Sport auch jenseits organisierter Strukturen einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Förderung eines gesunden, nachhaltigen und aktiven Lebensstils darstellt.
In diesem Positionspapier werden Kernmerkmale und Probleme informellen Sports dargestellt. Informeller Sport wird hier vereinssportlichen Aktivitäten nicht polar gegenübergestellt. Auch wenn der informelle Sport als formale Kategorie von anderen Feldern des Sports abgegrenzt wird, zeigt sich in der Praxis eine Vielzahl hybrider Settings, die auf einem Kontinuum zwischen informeller Gestaltungsfreiheit und formalen Vorgaben zu verorten sind. Vielmehr geht es darum, die gesellschaftliche Relevanz des informellen Sports deutlich zu machen und das Beziehungsgeflecht zum organisierten Sport in Schule und Verein, zu den kommunalen Aufgaben und zivilgesellschaftlichen Stakeholdern sowie kommerziellen Angeboten in den Blick zu nehmen. Das Positionspapier bündelt die Ergebnisse einer jahrelangen thematischen Auseinandersetzung von Forscher:innen der Koordinierungsstelle idisid (Hübner et al., 2024) sowie des interdisziplinären dvs-Expert:innen-Workshops an der Bergischen Universität Wuppertal (8. Workshop 2024 „Für den informellen Sport eintreten?“).
