Lehren ist Lernen: Methoden, Inhalte und Rollenmodelle in der Didaktik des Kämpfens

Bericht zur Jahrestagung der dvs-Kommission „Kampfkunst und Kampfsport” 2019 an der Universität Vechta

Die Universität Vechta lud vom 3.-5. Oktober zur Jahrestagung 2019 der dvs-Kommission „Kampfkunst und Kampfsport“ nach Niedersachsen ein. Unter der internationalen Thematik „Lehren ist Lernen: Methoden, Inhalte und Rollenmodelle in der Didaktik des Kämpfens“ / „Teaching is Learning: Methods, Contents and Role Models in the Didactics of Martial Arts“ wurden unterschiedlichste Perspektiven, Analysen und aktuelle Entwicklungen von „Martial Practices“ diskutiert. Die dreitägige Veranstaltung bot eine Plattform für einen offenen und interdisziplinären Austausch mit dem Schwerpunkt auf Vermittlungsszenarien.

Das Programm bestand aus einer Mischung von Hauptvorträgen, Arbeitskreisen und sportpraktischen Workshops in deutscher und englischer Sprache. Etwa 50 Teilnehmer*innen besuchten das Symposium, darunter Kommissionsmitglieder*innen, Vortragende, Nachwuchsforscher*innen, polizeiliche Einsatztrainer*innen und Student*innen.

Nach den Eröffnungsworten von Tagungsleiter Martin Meyer besprach der erste Hauptvortrag von Alfred Richartz die pädagogische Qualität des Trainings. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie diese im Rahmen der Kompetenzentwicklung von Trainer*innen sichtbar gemacht und zur Reflektion genutzt werden kann.

Das sich anschließende Panel “Martial Arts and the World” beleuchtete gesellschaftliche Phänomene unter der Perspektive des Kampfsports. Thomas Kron untersuchte Parallelen zwischen Judo-Prinzipien und Strategien des Terrors, Glenn-Eilif Solberg zeichnete die Entwicklung vom militärischen Skischießen zum sportlichen Biathlon nach, und Martin Gerhardt berichtete von bom combat als pädagogischem Instrument in der südafrikanischen Sozialarbeit.

In „Professionalisierung des polizeilichen Einsatztrainings“ stellte das Team um Swen Körner und Mario Staller die Ergebnisse der Forschung des vergangenen Jahres im Bereich des Einsatz- und Polizeitrainings dar. Dabei wurden Fragen zur Fertigkeitsentwicklung im Einsatztraining aufgeworfen, Ergebnisse einer Interventionsstudie dargestellt sowie der biographische Background von Einsatztrainer*innen analysiert. Weiterhin untersuchte Mareike Schwering den Umgang von Polizeikommissaranwärter*innen mit der Schusswaffe und Cedric Stephan lieferte erste Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zur polizelichen Grundhaltung von Polizeibeamten.

Der Vormittag des zweiten Tages stand im Fokus des aktiven Lernens und der Praxis. Holger Wiethäuper, Uwe Mosebach und Dinah Kretschmer stellten neue methodische Ansätze zur Vermittlung im schulischen und außerschulischen Kampfsport vor und veranschaulichten diese in angekoppelten Praxisworkshops.

Das Nachmittagspanel “Women in Martial Arts” warf Schlaglichter auf das mediale, soziale und archetypische Kämpferinnenbild. In ihrem Beitrag erforschte Fabienne Ennigkeit, inwiefern sich Selbst- und Fremdeinschätzungen des sozialen Geschlechts im kampfsport- und im berufsbezogenen Kontext voneinander unterscheiden. Marthe Heidemann stellte anschließend ihr Promotionsvorhaben vor, in welchem sie die Verkörperung, Selbstrepräsentation und Fremdwahrnehmung von internationalen Boxerinnen auf Social-Media-Plattformen interpretiert. Den Schwerpunkt von Minkyung Lee’s Beitrag bildete die Modellierung von Kampfsportlerinnenrollen im Zusammenhang mit den Motiven von Aktiven und Eltern.

Am Nachmittag stand Einsatztraining, Gewaltprävention und Selbstverteidigung im Mittelpunkt der Arbeitskreise. Jana Lechtonen untersuchte die Prävalenz von Aggression und Gewalt in der Kommunalverwaltung, Nils Neuwald präsentierte erste Ergebnisse einer Analyse zur Entwicklung des Einsatztrainings in der Bundespolizei, und Swen Körner und Mario Staller präsentierten und diskutierten Möglichkeiten zum professionellen Umgang mit Gewalt- und Konfliktsituationen sowie zur trainingspädagogischen Ausgestaltung entsprechender Schulungsprogramme.

Das erste Panel des Abschlusstages untersuchte Auswirkungen von Kampfsporttraining auf die Identitätsentwicklung, wobei Sophia Sader sich dem Setting "Frauen in der Selbstverteidigung" und Nico Friedrich sich therapeutischen Kontexten zuwandte. Der letzte Arbeitskreis der Tagung thematisierte das leiblich-kognitive Lernen. In seinem Beitrag unterstrich Martin Minarik die Wichtigkeit der Performanz im Kampfsport sowie ihre pädagogische Implementierung. Mathias Lego untersuchte die Auswirkungen von Kampfsporttraining auf die “mindfulness”, wohingegen Jakob Fruchtmann didaktische Formen der verbalen und leiblichen Vermittlung von Kampfsporttechniken verglich.

Der letzte Hauptvortrag wurde von Sigrid Happ gestaltet. Sie analysierte Potentiale und Schwächen des allgemeindidaktischen Resonanzkonzepts für das Verstehen von Beziehungsprozessen in kämpferischen Settings und leitete daraus Ideen für die didaktische Gestaltung von kämpferischen Trainingssettings ab.

Mario Staller beschloss die Tagung, die von allen Teilnehmer*innen als gelungener Wegstein zur weiteren wissenschaftlichen Professionalisierung des jungen Forschungsfelds anerkannt wurde. Insbesondere die Kurzwegigkeit zwischen den Veranstaltungsräumen wie auch der kleinstädtische Charme des abendlichen Vechtas, in dem sich die Teilnehmer*innen nach Ende des offiziellen Programms in gemütliche Diskussionsgruppen auflösten, wurde deutlich gelobt.


Text: Martin Meyer & Mario Staller


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