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02.10.2026 |   News

Erinnerungen an Bernd Strauß

von Martin Lames & Michael Kolb

© Peter Leßmann

Völlig fassungslos haben wir zwei, Martin und Michael, vom Tod von Bernd erfahren. Bis zuletzt war er in einem gemeinsamen Buchprojekt nah bei uns. Zwei Tage vor seinem Tod hatten wir noch Mail-Kontakt, und nun ist er nicht mehr da, eine surreale Situation.

Anfang der 90er Jahre hatte Herbert Haag fast zeitgleich drei Hochschul-Assistenten an seinem Lehrstuhl für Sportpädagogik in Kiel eingestellt: Bernd Strauß, ein Psychologe von der Universität Kiel, Martin Lames, ein Trainingswissenschaftler von der Universität Mainz, und Michael Kolb, ein Sportpädagoge von der DSHS Köln. 
Wir hatten uns vorher nicht gekannt und waren ganz unterschiedlichen sportwissenschaftlichen Disziplinen zugehörig. Allerdings waren wir auf der gleichen Qualifikationsstufe in der Postdoc-Phase auf dem Weg zur Habilitation. Das hat uns schnell verbunden und die jeweiligen Publikationsfortschritte waren ein gegenseitiger Ansporn, aber kein Konkurrenzkampf.

Ganz im Gegenteil haben wir teilweise an Forschungs- und Veröffentlichungsprojekten zusammengearbeitet, in denen sich unsere jeweiligen Expertisen gut ergänzt haben.

Daneben haben uns viele gemeinsame Erlebnisse freundschaftlich verbunden, die hier in unseren Erinnerungen nochmal aufgerollt werden sollen. Meist ist einer von uns um die Mittagszeit durch das Institut gezogen, hat die Karawane eingesammelt und wir sind gemeinsam Essen gegangen. Dabei hat sich viel Raum für Gespräche über alle möglichen Themen ergeben.

Zusammengeschweißt hat uns zudem, dass wir die Eckpfeiler eines legendären Instituts-Handballteams waren. Michael auf Rechtsaußen (Linkshänder), Martin auf Linksaußen und Bernd als Fels am Kreis und im Verteidigungsblock. Geschlagen wurden wir nur einmal von der Damenmannschaft des THW Kiel.

Unvergessen auch die Auftritte von Bernd und Michael bei der „Sportlichen Wiehnacht“, die die Studierenden des Instituts jedes Jahr organisiert haben. Dabei gab es immer Playback-Auftritte von Studierenden, aber auch Mitarbeitenden des Instituts. Wir waren beim „time warp“ aus der „Rocky Horror-Picture Show“ dabei, gaben die Drei Tenöre (mit Dirk Büsch), die kuschelnd „Männer“ von Herbert Grönemeyer intonierten. Bernd bleibt bis heute unvergessen als Drafi Deutscher mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Bernd konnte wirklich die Rampensau geben.

Ein weiterer Höhepunkt war unser gemeinsamer Auftritt in einer Tanzprüfung. Studierende hatten als Teil ihrer Tanz-Abschlussprüfung die Aufgabe, eine Choreographie mit einer Gruppe einzuüben. Eine Studentin hat dafür 3 Mitarbeiter aus dem Praxis-Bereich und 3 Mitarbeiter aus dem Theoriebereich, das waren wir drei, überredet mitzumachen. Zuerst kamen die Theoretiker zu „Probier‘s mal mit Gemütlichkeit“ tanzend in die Halle, Bernd perfekt als Balu und wir beide als zwei Moglis. Dann hatte die andere Gruppe ihren Tanzauftritt und alle vereinigten sich dann zu einem gemeinsamen Abschlusstanz: eine symbolträchtige Theorie-Praxis-Vereinigung. Danach hatten Sorge, dass das Dach der aus allen Nähten platzenden Sporthalle wegfliegen könnte. Die Studentin bekam übrigens die Note 1.

All das hat uns freundschaftlich nahe zusammengebracht. Wir haben uns auch privat gegenseitig besucht und Bernd hat mich, Michael, meist alleine in Kiel lebend, unter seine fürsorgliche Obhut genommen und wir sind gemeinsam mit seiner Frau Marlies jede Woche einmal abends Essen gegangen.

Besonders war auch die Konstellation am Institut. Herbert Haag hatte die Leitung des Deutschen Olympischen Instituts in Berlin übernommen, durch das die Olympiabewerbung Berlins 1996 unterstützt werden sollte. In seiner Abwesenheit haben wir, ein wenig unterstützt durch die Vertretungsprofessoren Karl-Heinrich Bette und Wolfram Sperling, gemeinsam die Abteilung geleitet: Die Arbeitsteilung spiegelte unsere Kompetenzen wieder: Bernd war für die Personalagenden zuständig, Martin insbesondere für die technische Ausstattung und Michael hat die Abteilung bei den Institutssitzungen vertreten.

Unsere Habilitationen haben wir dann mit Unterstützung von Herbert Haag erfolgreich zustande gebracht und vergleichsweise rasch Rufe auf Professuren erhalten. Martin ging an die Universität Rostock (und von dort nach Augsburg und München), Bernd an die Universität Münster und Michael als Letzter an die Universität Wien. 
Danach trafen wir uns naturgemäß seltener, zum Beispiel zu den dvs-Hochschultagen, wo wir dann gerne lange zum Austausch zusammengesessen haben. Aber Martin besuchte Michael auch mit einer Gruppe seiner Assistenten in Wien und Bernd kam mit Marlies zur Feier eines runden Geburtstags zu Michael.

Intensiv ausgetauscht haben wir uns dann beim Treffen anlässlich der Beerdigung von Herbert Haag in Wangen im Allgäu. Dort konnten wir gar nicht mehr damit aufhören, unsere Erfahrungen und Meinungen, die wir im Laufe unserer jeweiligen wissenschaftlichen Karrieren gesammelt, bzw. gebildet hatten, auszutauschen. Bernd war dann, wie so oft, treibende Kraft und meinte, wir sollten das in einem gemeinsamen Buch zusammentragen. So haben wir uns mehrfach in Wien getroffen, mehrere Tage über verschiedene Themen diskutiert, und diese Diskussionen dann in einem Buch verschriftlicht. Wir haben gemeinsam gelacht, gefrotzelt, gut gegessen und intensiv zusammengearbeitet – es war schnell und problemlos wie früher in Kiel. 

Bis zuletzt hatten wir engen Mailkontakt mit Korrekturvorschlägen an dem Buch, das wir noch fertigstellen konnten. Zwei Tage nach dem letzten Mail-Kontakt ist Bernd gestorben. Er ist einfach verschwunden, die Zeit steht still.

Wer war Bernd für uns?
Er war Antreiber! Seine dynamische Persönlichkeit hat uns immer imponiert, z.B. durch seine zahlreichen Projekte, die er initiiert hat. Er wollte wissenschaftliche Themen umfassend behandeln und war hervorragend in der Lage, dazu Kompetenz an Bord zu holen, um herausragende Publikationen zu realisieren.

Er war Funktionär! Das ist im besten Sinne gemeint, da seine nachahmenswerte Überzeugung war, dass ein Hochschullehrer auch Aufgaben zur Förderung seiner Disziplin übernehmen muss. Dies war bei ihm für die Sportwissenschaft insgesamt der Fall, wo er sechs Jahre als dvs-Präsident ein neues Selbstverständnis der Vereinigung umsetzte, die sich auch und vor allem auf eine aktive Einflussnahme auf gesellschaftliche Meinungsbildungsprozesse bezogen hat. Auch biografisch motiviert galt seine besondere Fürsorge der Sportpsychologie. Als „reiner“ Psychologe hat er sich für die Anerkennung und Verbreitung der Sportpsychologie ungemein engagiert und überragende Verdienste erworben. Schließlich waren ihm auch seine „lokalen“ Aktivitäten als Amtsträger (Dekan, Mitglied in vielen Kommissionen) an der Universität Münster überaus wichtig, da er so seiner Disziplin, der Sportwissenschaft, Geltung verschaffen konnte.

Er war Mensch! Bei allen Aktivitäten auf wissenschaftlicher und Funktionärsebene schimmerte immer wieder der Mensch Bernd Strauß durch. Es gab bei ihm kaum ein rein sachliches Verhältnis, immer ging es auch um persönliches Zusammenwirken. Sicher auch mit Anfälligkeiten, wie seine gesundheitlichen Probleme, die ihn fast das ganze Leben lang begleiteten. Aber auch die für ihn persönlich wichtige Rolle, die er externem Feedback beimaß, sind Aspekte seiner sehr menschlichen Sichtweisen auf die Dinge. Für uns beide war er immer der Kumpel, mit dem man über alles reden konnte, der auch kompromissbereit war, und mit dem es immer eine Einigung gab, wenn auch möglicherweise erst nach stundenlanger Debatte.

Erschüttert wurde der Mensch Bernd sicherlich durch den tragischen Krebstod seiner Frau Marlies, die er bis zum Schluss gepflegt hat. Dieser Verlust hat ihm die neben seiner beruflichen Tätigkeit wichtigste Stütze seines Lebens weggerissen und ein Ungleichgewicht hinterlassen.

Für uns beide, Martin und Michael, ist es unfassbar, dass wir den Menschen Bernd nun verloren haben. Wir beklagen den Verlust einer imponierenden Persönlichkeit, die ihre Zeit geprägt und Orientierungen für die Zukunft gegeben hat.

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