Nachruf auf einen empraktischen Denker

In memoriam Volker Caysa

DOI 10.1515/sug-2017-0009

Am 3. August 2017 verstarb nach kurzer, schwerer Krankheit unser Kollege Volker Caysa. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehörten die Anthropologe des Körpers und seiner Stimmungen sowie die Sportphilosophie.

PD Dr. Volker Caysa, Vorstandsmitglied und zwischenzeitlicher Vorsitzender der Nietzsche Gesellschaft, war zuletzt Privatdozent am Institut für Philosophie der Universität Leipzig. Zuvor arbeitete er unter anderem als Professor für Philosophie an den Universitäten in Opole und Lodz in Polen.

Zu seinen geistigen Lehrern gehörte nicht zuletzt der marxistische Philosoph Helmut Seidel, dessen posthum veröffentlichte Schrift „Philosophie und Wirklichkeit“ Volker Caysa im Jahr 2011 herausgab und damit vor dem Vergessen bewahrte. Seidel, der zu Beginn der 1990er-Jahre aus der Universität Leipzig in den vorzeitigen Ruhestand entlassen wurde, hat Volker Caysa bis in seine letzte Buchpublikation hinein entscheidend beeinflusst. Unter dem Titel „Empraktische Vernunft“ erschien 2016 Caysas letztes großes Werk. Darin beschäftigt er sich mit einer Philosophie der Lebenspraxis, die den Menschen vor allem als sinnliches Wesen zu fassen versucht und dessen Vernunft wie Unvernunft nach seiner Auffassung wesentlich durch Stimmungen und Affekte bestimmt werden. Nach eigener Aussage atme dieses Werk „den Seidel-Geist par excellence“, so dass sich hier gewissermaßen ein Kreis schließt ohne sich freilich abzuschließen.

Rückschauend wird deutlich, dass sich die zahlreichen Arbeiten Caysas aus der Zeit zuvor ebenfalls mit vorbereitenden Aspekten einer empraktisch angelegten Handlungs- und Wissenstheorie beschäftigen, die vor allem darauf abzielt, das Leben „gut zu führen“. Und auch hier scheint sich ein Kreis zu schließen. Volker Caysa war nämlich ein überaus erfolgreicher Hammerwerfer in der ehemaligen DDR (55,74 m im Jahr 1977), der über Dopingpraktiken im Hochleistungssport genau Bescheid wusste. Diese Erfahrungen verarbeitete er in dem für die Sportphilosophie wichtigen Buch „Körperutopien“, das 2003 erschien und zuvor als Habilitationsschrift von der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie an der Universität Leipzig angenommen worden war. Anstatt sich moralisch zu entrüsten und mit Rückblick auf die eigene Sportlerbiografie den Zeigefinger zu heben, plädiert Caysa dafür, Dopingpraktiken im Sport als Ausdruck der Industrialisierung des Körpers zu analysieren: „Im Doping des Sports fokussiert sich eine fatale Illusion des beginnenden biotechnischen Zeitalters: die Illusion, einen Körper willkürlich zu dem machen zu können, was man will. Das massenhafte, von allen Sportnationen systematisch betriebene Doping ist insofern nur Ausdruck dafür, dass die traditionelle Ethik der Unantastbarkeit des Körpers grundlegend durch die erst beginnende biotechnologische Revolution widerlegt wird“ (2003, S. 236). Doch bleibt Caysa nicht bei dieser Zustandsbeschreibung stehen. In Anlehnung an die Konzeption eines „Common Body“ (Gebauer 2002; 2003) geht Caysa vielmehr der Frage nach den noch zu explizierenden natürlichen Rechten und Normen des Körpers nach, um Maßstäbe für eine allgemein verständliche „humane Körperkultur“ (Gebauer/Caysa 2008) zu finden. In diesem Zusammenhang kommt er zu dem Schluss, dass die „Idee einer vernünftigen, nachhaltigen Körperinstrumentalisierung (...) eine Perspektivierung unserer Körpertechnologisierung darstellt, die garantieren soll, dass wir entscheidungsfähige Subjekte in Bezug auf die Natur, die wir sind, bleiben und nicht Projekte der Biopolitik und Bioindustrie anderer werden.“ (2008, S. 377). Erkennbar ist auch hier ein Grundzug in Caysas Denken, Probleme nicht nur zu benennen, sondern nach Lösungen zu suchen, um dem zuletzt emphatisch gefassten Anspruch gerecht zu werden, „in uns die Sehnsucht nach dem Glück gelingenden Handelns“ (2016) stillen.

Caysa hat wesentliche Beiträge zur Institutionalisierung der Sportphilosophie geleistet. So gehören die beiden Anthologien „Sport ist Mord“ (Leipzig 1996) und „Sportphilosophie“ (Leipzig 1997) zu den unverzichtbaren Arbeitsmaterialien unseres Faches.

Im Wintersemester 2016/17 beschäftigte sich Caysa mit der Philosophie des Todes. Im Ankündigungstext zu seiner Lehrveranstaltung heißt es: „Wir alle wollen leben. Aber im Leben scheint nur eines sicher zu sein: Der Tod ereilt uns unausweichlich. Was aber ist der Tod? Können wir überhaupt vom Tod etwas wissen? Ist er die Grenze des Lebens, von dem wir nichts wissen können? Ist er einfach Nichts oder Unsterblichkeit?“ Auf diese Fragen wird es keine Antworten geben, aber es ist bezeichnend für Volker Caysa, dass er so kurz vor seinem Tod sich mit diesen Fragen intensiv auseinandergesetzt hat.

Wir trauern um einen streitbaren, hellsichtigen und unkonventionellen Kollegen, der für die Sportphilosophie wichtig ist und schon jetzt eine große Lücke hinterlässt.


Franz Bockrath
Für den Sprecherrat der dvs-Sektion Sportphilosophie

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