Sportpädagogische Praxis – Ansatzpunkt und Prüfstein von Theorie

28. Jahrestagung der dvs-Sektion Sportpädagogik
30. April - 02. Mai 2015 in Bochum

Die Theorie der Sportpädagogik kann als eine typische Handlungswissenschaft bezeichnet werden. Sie bekommt „die zu lösenden Probleme von der Praxis diktiert“, so Meinberg (1991, S. 20). Daher sei Praxis der Ansatzpunkt und auch Prüfstein von Theorie. Doch diese Programmatik der Handlungswissenschaft ist mit einer „Problemlast behaftet“ (Meinberg, 1981, S. 8). Sportlich-spielerisches Handeln muss mit pädagogischem Handeln und wissenschaftlichem Handeln verschränkt werden. Ob eine Verknüpfung dieser Praxen theoretisch, systematisch und praktisch möglich werden kann, ist offen. Zudem ist zu fragen, ob die Sportpädagogik die Probleme der Praxis wirklich auf- und ernstgenommen hat. Und umgekehrt: Werden sportpädagogische Forschungsergebnisse von der Praxis wahrgenommen und wertgeschätzt oder sieht man in ihnen lediglich einen „vermeidbaren theoretischen Ballast“ (Meinberg, 1981, S. 8)? Es erscheint notwendig, hier einmal eine Bilanz zu ziehen.

In diesem Zusammenhang scheint es auch hilfreich, das Verhältnis von Sportpädagogik und Sportdidaktik zu reflektieren. Kann die sportpädagogische Theoriebildung der Fachdidaktik Orientierungen oder gar Handlungswissen liefern? Kann sie die Qualität unterrichtlicher Prozesse, also der Praxis erhöhen? Will sie es überhaupt?

In jedem Fall dringt die sportpädagogische Praxis wieder stärker in den Fokus der Betrachtungen; sie gewinnt „ihre Würde zurück“, so Kurz (2004, S. 33). Im Rahmen der Jahrestagung 2015 der dvs-Sektion Sportpädagogik soll das Theorie – Praxis – Verhältnis aufgegriffen werden. Dabei wäre zunächst zu klären, wie wir zentrale Begriffe verstehen wollen und auf welchen Ebenen die Diskussion geführt werden muss. Was verstehen wir unter „Theorie“ und „Praxis“? Theorie als Nachdenken über und Erforschen von Praxis, aber auch als Formulierung von Idealen, Zielsetzungen und Vorhaben? Dann wäre Forschung und Theoriebildung immer auch „Praxis“, eine bestimmte soziale Realität, eine Praxis des Tuns, Handelns und Sich-Verhaltens in einem konkreten gesellschaftlichen Feld, das sowohl von naiven Alltags- als auch wissenschaftlichen Theorien und vor allem Mächten durchzogen ist.

Damit stellen sich drei Fragenkomplexe:

1. Anspruch und Wirklichkeit sportunterrichtlicher Praxis
Was wissen wir eigentlich über die Unterrichtpraxis? Ist sie Bezugspunkt unserer Forschung? Welche Widersprüche von Anspruch und Wirklichkeit zeigen sich in der sportpädagogischen Praxis? Von welchen Störungen, Widerständen und Abweichungen vom Geplanten ist Sportunterricht geprägt? Wie können sie offen gelegt, erfasst werden und wie sind sie darstellbar? Was sind ihre Ursachen? Wie sind übliche (und unübliche) Unterrichtspraxen soziologisch oder kommunikationstheoretisch zu deuten? Gibt es eine Praxeologie von Sportunterricht oder: warum gibt es keine Praxeologie, die nach der impliziten Logik sportpädagogischer Praxis fragt?

2. Systematik und Nutzen sportpädagogischer Theoriebildung für die sportpädagogische Praxis
Wie kommt die Pädagogik überhaupt zu ihren Erkenntnissen im multidisziplinären Gefüge der Wissenschaften? Welchen Nutzen hat oder kann die sportpädagogische Theoriebildung für die sportunterrichtliche Praxis haben? Welche Konsequenzen haben neue (und alte) Erkenntnisse z. B. aus der Gehirnforschung, der Philosophie und der Trainings- und Bewegungswissenschaft für praktisches Sportlehrer-/innenhandeln?

3. Konsequenzen einer reformierten Theorie-Praxis-Verknüpfung
Welche Konsequenzen lassen sich für die Entwicklung von Lehrer-/innenprofessionalität daraus ziehen? Welche neueren Vorstöße zur Reformierung der Lehrer(aus)bildungsphasen leiten sich daraus ab? Welche innovativen Veranstaltungsformate gibt es bereits? Was heißt das für das Selbstverständnis der Sportpädagogik als wissenschaftliches Teildisziplin und Fachpraxis der Sportwissenschaft? Wie kann sich eine reformierte sportpädagogische Theoriebildung in der Praxis von Sportunterricht niederschlagen?

Format:
Die Tagung wird in Kooperation mit dem Landesverband NRW des DSLV und der Professional School of Education der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt. Wir freuen uns, Ihnen mit Prof. Dr. Andreas Gruschka, Dr. Esther Serwe-Pandrick und Prof. Dr. Nils Neuber drei ausgewiesene Hauptreferenten präsentieren zu können. Neben Hauptvorträgen, Arbeitskreisen und Posterpräsentationen sollen auch Praxisdemos mit den Teilnehmern durchgeführt und diskutiert werden.

Literatur

  • Kurz, D. (2004). Sportpädagogisches Wissen: Was macht den Unterschied? In M. Schierz & P. Frei (Hrsg.), Sportpädagogisches Wissen. Spezifik – Transfer – Transformationen (S. 28-42). Hamburg: Czwalina.
  • Meinberg, E. (1981). Sportpädagogik. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Meinberg, E. (1991). Hauptprobleme der Sportpädagogik. Eine Einführung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Call for Papers
Neben den üblichen Beitragseinreichungen für Poster, Einzelbeiträge und Arbeitskreise stellt die Möglichkeit zur Einreichung einer Praxisdemonstration eine Besonderheit dieser Tagung dar. Spezifische Erläuterungen zu den einzelnen Formaten finden Sie hier (PDF).
Die Abgabefrist endet am 15.02.2015.

Hauptreferenten/innen

  • Dr. Esther Serwe-Pandrick (TU Dortmund), "Anspruch und Wirklichkeit sportunterrichtlicher Praxis"
  • Prof. Dr. Andreas Gruschka (Goethe-Universität Frankfurt), "Systematik und Nutzen sportpädagogischer Theoriebildung für die sportpädagogische Praxis"
  • Prof. Dr. Nils Neuber (Westfälische Wilhelms-Universität Münster), "Von der Theorie zur Praxis - und wieder zurück? Sportlehrerbildung zwischen Wirkversprechen und enttäuschten Hoffnungen


Kontakt:

Ruhr-Universität Bochum
Fakultät für Sportwissenschaft
Lehr- und Forschungsbereich Sportpädagogik und Sportdidaktik
Prof. Dr. Antje Klinge, Prof. Dr. Norbert Gissel & David Wiesche
Gesundheitscampus Nord Nr. 10
44801 Bochum
Tel.: (0234) 32-22432
E-Mail: dvs2015@rub.de

Tagungswebsite