Ein- und Ausgrenzungen: Intersektionale Verflechtungen von Geschlecht in Sport und Sportwissenschaft

Jahrestagung der dvs-Kommission Geschlechterforschung
25.-27. September 2013 in Konstanz im Rahmen des dvs-Hochschultages 2013

Bereits mit Beginn der sozialwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung wird die Frage, ob Geschlecht die alles bestimmende Strukturkategorie und alleiniger Platzanweiser in einer Gesellschaft darstellt, kontrovers diskutiert. Die in den Anfängen verbreitete Vorstellung einer sich aufschichtenden Mehrfachunterdrückung durch die Dimensionen Rasse, Klasse und Geschlecht ist inzwischen von theoretisch differenzierteren Sichtweisen abgelöst worden (vgl. Gildemeister 2012, S. 299). Es wird zwar weiterhin davon ausgegangen, dass Geschlechtszugehörigkeit von Personen in Alltagssituationen fortlaufend hergestellt wird, diese muss allerdings nicht in jeder Situation bedeutsam werden, wie Hirschauer (1994, S. 679) bereits Mitte der 90er Jahre konstatierte. Intersektionale Ansätze wenden sich gegen die Omnirelevanzannahme von Geschlecht (vgl. West & Zimmermann, 1987) und gehen von einer Diskontinuität der Geschlechterkonstruktion aus. Danach können in sozialen Situationen die Bedeutsamkeit der routinemäßigen Geschlechterunterscheidung in den Hintergrund treten und andere Differenzdimensionen wie soziales Milieu, Ethnie oder Alter etc. Relevanz erhalten. Wissenschaftlich hat sich dieser Diskurs im Englischen als „triple-oppression-theory“ (Race, Class, Gender) (vgl. Lutz & Davis, 2005, S. 229) entwickelt und wird inzwischen unter dem Begriff Intersektionalität gefasst, womit die „kontextspezifische(n), gegenstandsbezogene(n) und an sozialen Praxen ansetzende(n) Wechselwirkungen ungleicheitsgenerierender sozialer Strukturen“ (Winker & Degele, 2009, S. 15) in den Blick genommen werden sollen.

Inzwischen gibt es auch in der Sportwissenschaft einige Ansätze, die Geschlecht mit anderen Parametern (Ethnie, Milieu, Sexualität, Alter, Behinderung etc.) in Beziehung setzen und die darauf verweisen, wie sich die AkteurInnen in der sozialen Ordnung positionieren (z. B. Migrantinnen im Sport, Sportsozialisation von Mädchen auf der Hauptschule etc.).
Interessant für sportwissenschaftliche Analysen ist im Zuge dieser Diskussion der Blick auf den Körper, da sich Hautfarbe und Behinderung, Status und Prestige am Körper ablesen lassen. Hinzu tritt ein Diskurs, der den Körper als Gestaltungsaufgabe in den Fokus rückt, das bedeutet, jede Person wird für ihre Gesundheit, Aussehen, Fitness und Leistungsfähigkeit selbst verantwortlich gemacht (vgl. Winker & Degele, 2009, S. 51). Bezieht man dies bspw. auf den demographischen Wandel, wird deutlich, dass diejenigen, die sich Investitionen in den Körper leisten können im Rahmen einer Produktions- und Konsumgesellschaft weiterhin als ‚erfolgreich’ gelten können, während diejenigen, die sich einer Körperoptimierung verweigern, gar an Übergewicht, schlaffer Muskulatur und an „vermeidbaren“ Krankheiten leiden, im wahrsten Sinne des Wortes von sozialer Partizipation abgehängt werden.

In diesem Rahmen sind mit Blick auf intersektionale Verflechtungen in Sport und Sportwissenschaft Beiträge erwünscht, die Felder des institutionalisierten und organisierten Sports wie z. B. den Schul-, Vereins- oder Gesundheitssport ebenso fokussieren wie die Sportwissenschaft selbst oder Sportmedien. Geschlechterbezogene Partizipation durch und im Sport kann z. B. über Aspekte wie Gesundheit, Alter, Behinderung, Ethnie (Migration), Milieu oder Sexualität thematisiert werden.

Literatur:
Gildemeister, R. & Hericks, K. (2012). Geschlechtersoziologie. Theoretische Zugänge zu einer vertrackten Kategorie des Sozialen. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag.
Hirschauer, S. (1994). Die soziale Fortpflanzung der Zweigeschlechtlichkeit. In Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 46, H. 4, S. 668-692.
Lutz, H. & Davis, K. (2005). Geschlechterforschung und Biographieforschung: Intersektionalität als biographische Ressource am Beispiel einer außergewöhnlichen Frau. In. B. Völter, B. Dausien, H. Lutz & G. Rosenthal (Hrsg.), Biographieforschung im Diskurs (S. 229-247).Wiesbaden: VS Verlag.
West, C. & Zimmermann, D. H. (1987). Doing Gender. In. Gender and Society 1, 2, S. 125-151.
Winker, G. & Degele, N. (2009). Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld: transcript Verlag.


Kontakt:
Prof. Dr. Gabriele Sobiech
Pädagogische Hochschule Freiburg
Fak.1 - Institut für Soziologie
Arbeitsbereiche Sportsoziologie & Gender Studies
Hochschulsportzentrum
Schwarzwaldstr. 175
79117 Freiburg
Tel.: (0761) 682-708/-700
E-Mail: sobiech@ph-freiburg.de
 
Prof. Dr. Anja Voss
Alice Salomon Hochschule Berlin
Alice-Salomon-Platz 5
12627 Berlin
Tel.: (030) 99245-423
E-Mail: anja.voss@ash-berlin.eu