Eklat um Vortrag des Göttinger Sporthistorikers Arnd Krüger zum Attentat während der Olympischen Spiele 1972 in München

dvs-Präsident Prof. Dr. Bernd Strauß (30.06.2008): "Es handelt sich um einen sehr ernsten und schwerwiegenden Vorgang. Antisemitismus und Rassismus haben keinen Platz in der dvs. Die erhobenen Vorwürfe werden sehr genau geprüft. Nachdem dem dvs-Präsidium in der Mitte der letzten Woche der Vorgang bekannt wurde, sind wir dabei, alle Informationen zusammenzutragen und haben Kontakt zu beteiligten Stellen innerhalb und außerhalb der dvs aufgenommen. In seiner Sitzung am 3./4. Juli 2008 beschäftigt sich das Präsidium der dvs mit dem Fall und wird über angemessene Konsequenzen beraten."

Auf der Jahrestagung der Sektion Sportgeschichte der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft, die vom 19.-21. Juni 2008 am Institut für Sportwissenschaften der Georg-August-Universität Göttingen zum Thema "Sportgeschichte erforschen und vermitteln" stattfand, referierte der Göttinger Sporthistoriker Prof. Dr. Arnd Krüger. Sein Vortrag trug den Titel: "Hebron und München. Wie vermitteln wir die Zeitgeschichte des Sports, ohne uns in den Fallstricken des Antisemitismus zu verhaspeln?".

In diesem Vortrag ging es um den überfall palästinensischer Terroristen bei den Olympischen Spielen 1972 in München auf Mitglieder der israelischen Mannschaft im Olympischen Dorf. Prof. Dr. Arnd Krüger stellte u. a. dabei die These auf, dass die Mitglieder der israelischen Mannschaft damit gerechnet haben, dass sie von palästinensischen Kommandos angegriffen werden würden. Er verband diese These mit weitergehenden Interpretationen und zog Parallelen zum Hebron-Massaker 1929.

Unmittelbar nach dem Vortrag am 20. Juni 2008 äußerten die anwesenden Fachkollegen, darunter zahlreiche dvs-Mitglieder, in der öffentlichen Diskussion deutliche Kritik. Aus Sicht der Kritiker konnte Arnd Krüger weder Belege für seine These beibringen, noch wurden seine weitergehenden Interpretationen geteilt, sondern als abwegig und abstrus bezeichnet.

Die dvs-Mitglieder der Sektion Sportgeschichte haben in ihrer Mitgliederversammlung am 20. Juni 2008 sich ebenfalls sehr kritisch und deutlich?zu dem Beitrag geäußert und haben bereits erste Konsequenzen gezogen, um ihre Missbilligung deutlich zu machen: Der Vortrag von Arnd Krüger wird nicht im Tagungsband veröffentlicht werden und Arnd Krüger wird nicht, wie ursprünglich vorgesehen, als Mitherausgeber des Tagungsbandes fungieren.

Der Sprecher der dvs-Sektion Sportgeschichte, Prof. Dr. Michael Krüger (Universität Münster) hat in einem öffentlichen Schreiben vom 26. Juni 2008 an die Teilnehmer/innen der Jahrestagung wie folgt zu diesem Vorgang Stellung genommen:

"Nachdem unsere Tagung durch den Vortrag von Arnd Krüger und die kritischen Reaktionen darauf auch in den Medien Beachtung gefunden hat, möchte ich als Sprecher der Sektion Sportgeschichte der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft noch einmal zum Ausdruck bringen, wie sich die Sektion zur Angelegenheit verhält. Zum Teil habe ich dies auch mündlich bereits in der Mitgliederversammlung der Sektion am Freitag abend mitgeteilt:

1. Als Vortrag zur Tagung wurde nur zugelassen, wer ein Abstract einreichte. Alle Abstracts wurden gelesen und geprüft. Wir sahen keinen Anlass, ein Abstract zurückzuweisen. Ein Ziel unserer Sektionstagungen besteht auch darin, neue Fragen zu stellen und aktuelle Arbeitsvorhaben vorzustellen, auch wenn diese noch nicht völlig ausgereift sind.

2. In dem Abstract von Arnd Krüger wurde eine sehr gewagte These formuliert. Leider hat sich in dem Vortrag selbst dann die Erwartung nicht erfüllt, dass diese These auch durch verlässliche Quellen belegt wurde. Dies wurde sowohl in der Diskussion im Anschluss an den Vortrag Arnd Krügers klar zum Ausdruck gebracht als auch in der Mitgliederversammlung der Sektion.

3. Wie in der Sektionsversammlung empfohlen und gewünscht, wird der Beitrag von Arnd Krüger nicht in dem geplanten Tagungsband veröffentlicht. Prof. Arnd Krüger wird auch nicht als Herausgeber des Sammelbandes fungieren.

4. Um eine angemessene Qualitätskontrolle der Tagungsbeiträge für den Sammelband sicherzustellen, werden die eingereichten Beiträge nicht nur von den Herausgebern Wolfgang Buss und Andrea Bruns geprüft, sondern auch vom Vorstand der Sektion Sportgeschichte der dvs. Es handelt sich ja um eine wissenschaftliche Reihe der dvs.

Diese Punkte scheinen mir wichtig, um angesichts der öffentlich gewordenen Diskussionen um den Vortrag von Arnd Krüger klarzustellen, dass die Sektionstagungen einerseits den Rahmen für lebendige Fachdiskussionen bieten sollen, dass andererseits aber auch Wert darauf gelegt wird, dass wissenschaftliche Regeln und Standards eingehalten werden. Dies zu ermöglichen, ist Aufgabe des Sektionsvorstands und der Ausrichter der Sektionstagungen."

Im Nachgang zur Veranstaltung haben sich Teilnehmer der Tagung öffentlich über den Vortrag von Prof. Dr. Arnd Krüger geäußert (u.a. in einem Schreiben an den Präsidenten der Universität Göttingen vom 24.06.2008). Außerdem wurde über den Vorgang in den Medien und in verschiedenen Internet-Foren und Blogs berichtet. Nachfolgend finden Sie eine Auswahl der Presseberichterstattung:

22.06.2008
Deutschlandfunk: Verhöhnung jüdischer Opfer - Skandal bei deutschen Sporthistorikern (Michael Barsuhn) (MP3)

28.06.2008
SPIEGEL-Online: Bestürzung über Thesen zum Olympia-Anschlag 1972 (Udo Ludwig)

29.06.2008
Haaretz: German prof.: Israeli athletes willfully sacrificed themselves in Munich massacre (Assaf Uni)
Ynetnews: German prof.: Sportsmen slain in Munich knew of pending attack (Eldad Beck)
Deutschlandfunk: Israels stellvertretender Botschafter fordert scharfes Vorgehen im Fall Krüger (Michael Barsuhn) (MP3)

30.06.2008
Süddeutsche Zeitung: "Antijüdische Stereotype". Irritierende These zum Olympia-Attentat 1972 (Thomas Kistner)
The Jerusalem Post: Israel wants action against academic who defamed Munich athletes (Benjamin Weinthal)

01.07.2008
Göttinger Tageblatt: Kritik an Krügers Opfertod-These (Angela Brünjes)
taz: Krude Thesen zum Olympia-Attentat von 1972. In den Fallstricken des Antisemitismus (Benjamin Laufer)
Kölner Stadt-Anzeiger: Skandal um Wissenschaftler: "Antisemitismus pur"
Zentralrat der Juden: Antisemitismus pur: Sportwissenschaftler Arnd Krüger behauptet israelische Attentatsopfer seien 1972 freiwillig gestorben

02.07.2008
Hamburger Abendblatt: Olympia-Massaker 1972 Göttinger Sporthistoriker stellt unglaubliche These auf: "Israels Sportler opferten sich freiwillig" (Thomas Frankenfeld)
3sat: Antisemitismus-Vorwürfe gegen Sportwissenschaftler
Deutscher Olympischer Sportbund: DOSB fordert Professor Krüger zur Rücknahme seiner Thesen auf

03.07.2008
Frankfurter Rundschau: Attentat 1972 - Sporthistoriker unter Verdacht (Harry Nutt)
Jersualem Post: German university teaches anti-Semitic theory (Benjamin Weinthal)
Die Jüdische (Weltwoche): Antisemitismus der klugen Kerle (Henryk M. Broder)
taz: Krude Thesen zum Olympia-Attentat von 1972: Uni findet Vortrag doch antisemitisch (Veit Medick)
Göttinger Tageblatt: Krüger zieht Israel-Thesen zurück (Angela Brünjes)

04.07.2008
taz: Krude Thesen zum Olympia-Attentat von 1972: "Ich habe eins auf die Nase bekommen" (Interview mit Arnd Krüger von Martin Krauß)
Die Jüdische: Sportwissenschaftler distanzieren sich von antisemitischen Olympia-Thesen
SPIEGEL Online: OLYMPIA-EKLAT. Göttinger Sportprofessor zieht Thesen zurück (Britta Mersch)
3sat: Sporthistoriker zieht Israel-Thesen zurück
Frankfurter Allgemeine Zeitung: Das Olympiaattentat von 1972. Eklat um Vortrag eines Sporthistorikers (Martin Wittmann)

10.07.2008
Jüdische Allgemeine: Eine Frage des Menschenbildes (Matrin Krauß)

14.07.2008
FOCUS Campus: Umstrittene Thesen. Historiker wehrt sich gegen Vorwürfe (Janine Heibl)

22.07.2008
Universität Göttingen: Universitäre Ombudskommission sieht Regeln guter wissenschaftlicher Praxis nicht verletzt
Deutschlandfunk: Ombudskommission der Uni Göttingen verzichtet auf Kritik an Prof. A. Krüger (Michael Barsuhn) (MP3)

25.07.2008
Süddeutsche Zeitung: Streit um Göttinger Professor: Skandalöser Freispruch (Michael Barsuhn)

27.07.2008
Deutschlandfunk: Um eine Episode reicher - Der Fall Arnd Krüger (Michael Barsuhn) (MP3)
Deutschlandfunk: Interview Ankie Spitzer (Michael Barsuhn) (MP3) - Schriftfassung erschienen am 01.08.2008 in der Süddeutschen Zeitung

August 2008
Mantalk: Never ending story (Zeev Avrahami) (PDF)

10.09.2008
Deutschlandfunk: Rüge für Arnd Krüger durch DVS (Michael Barsuhn) (MP3)
Frankfurter Rundschau: Rüge für Sportprofessor (Arnd Festerling)
Göttinger Tageblatt: Mit Israel-Thesen Schaden zugefügt (Angela Brünjes)

11.09.2008
Süddeutsche Zeitung: Wirre These zum Olympia-Attentat - Nicht mal die Zahlen stimmen (Michael Barsuhn)
Jungle World: Der Fall Krüger, eine Abwicklung (Ze'ev Avrahami & Martin Krauß)

18.09.2008
Jungle World: Sportlich abgewatscht (Martin Krauß)

Nachdem dem dvs-Präsidium der Vorgang am 25. Juni 2008 (u. a. mit der Information über den Bericht aus dem Deutschlandfunk) zur Kenntnis gegeben wurde, fanden umgehend die ersten Gesprüche zwischen dem dvs-Präsidenten mit dem Sprecher der Sektion Sportgeschichte statt. Am gleichen Tag hat der dvs-Präsident entschieden, diesen Vorgang mit allerhöchster Priorität zu versehen und im Rahmen der Präsidiums-Sitzung vom 3.-4. Juli in Frankfurt am Main zu behandeln. Um dort erste sachangemessene Konsequenzen zu ziehen, wurden in der Zwischenzeit weitere umfassende Informationen eingeholt und Kontakte zu Stellen innerhalb und außerhalb der dvs hergestellt. Der dvs-Präsident hat u.a. Prof. Dr. Arnd Krüger aufgefordert, ihm eine Stellungnahme zu dem Vorgang abzugeben und hat an den Ethik-Rat der dvs die ersten Informationen weitergeleitet.

Gegenüber der Universität Göttingen und gegenüber der dvs hat Prof. Dr. Arnd Krüger eine Stellungnahme (PDF) abgegeben; auch das Präsidium der Georg-August-Universität Göttingen hat sich am 30.06.2008 in einer Stellungnahme geäußert, die am 03.07.2008 ergänzt wurde. Die Ombudskommission der Universität Göttingen hat am 22.07.2008 eine Erklärung abgegeben. Prof. Dr. Arnd Krüger hat am 3. Juli 2008 in einer Erklärung (PDF) seine Thesen "mit dem Ausdruck großen Bedauerns" zurückgezogen und sich für die Folgen, die seine Thesen ausgelöst haben, entschuldigt.

Das Präsidium der dvs hat auf seiner Sitzung am 3. Juli 2008 eine Erklärung abgegeben, die Sie hier auch als PDF-Datei herunterladen können.

Das Präsidium der dvs hat unter Beteiligung des Ethik-Rats Prof. Dr. Arnd Krüger am 17. Juli 2008 in Frankfurt am Main angehört. In der knapp dreistündigen Anhörung nahm Prof. Krüger Stellung zu der Kritik an den von ihm geäußerten Behauptungen zum Attentat auf israelische Sportler während der Olympischen Spiele 1972 in München. Das Präsidium der dvs hat die Anhörung im Rahmen eines Verfahrens zum Ausschluss (gemäß § 4 der dvs-Satzung) von Prof. Dr. Arnd Krüger aus der dvs durchgeführt.

Das Präsidium der dvs hat am 9. September 2008, nach Prüfung aller vorliegenden Informationen, festgestellt, dass Prof. Dr. Arnd Krüger gegen die "Berufsethischen Grundsätze für Sportwissenschaftler/innen" der dvs verstoßen hat. Es wurde eine öffentliche Rüge ausgesprochen. Von einem Ausschluss von Prof. Dr. Arnd Krüger aus der dvs wurde abgesehen. Den vollständigen Beschluss des Präsidiums finden Sie hier.

Hamburg, 29.06.2008 (aktualisiert am: 18.09.2008)