Die dvs verurteilt Doping!

dvs-Erklärung zum Doping: 2. Fassung ·
Stellungnahmen der dvs-Mitglieder bis 25. Juni 2007 erwünscht

Das Problem des Dopings im Leistungssport ist in der jüngsten Zeit wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Die neuerlichen Berichte über Leistungsmanipulationen im Radsport und die in diesem Zusammenhang geäußerten Vorwürfe gegen Wissenschaftler der Universität Freiburg zeigen erneut die Notwendigkeit einer deutlichen Positionierung der dvs gegen Doping im Sport. Dabei steht zwar der Leistungssport im Fokus, der Missbrauch von Dopingmitteln im Fitness- und Breitensport oder in der Jugendkultur wird aber ebenfalls als ein sehr ernstes und die Aufmerksamkeit der Sportwissenschaft forderndes Problem angesehen.

Bereits Anfang 2006 hatte der dvs-Vorstand den Entwurf einer Erklärung zum Thema Doping den dvs-Mitgliedern zur Stellungnahme vorgelegt. Diese Erklärung, die aus der Perspektive einer Wissenschaftsorganisation auf das Thema Doping im Leistungssport eingeht, soll die "Oldenburger Erklärung" der dvs aus dem Jahre 1991 ablösen.

Nach Eingang verschiedener Stellungnahmen aus der Mitgliedschaft im Laufe des Jahres 2006, der Konsultation von Experten sowie verschiedener Partnerorganisationen/-institutionen der dvs und der Durchführung eines Expertengesprächs zum Thema am 12. Februar 2007 in Frankfurt am Main wurde durch den Vizepräsidenten Leistungssport der dvs, Prof. Dr. Martin Lames (Universität Augsburg), eine überarbeitete, zweite Fassung der Erklärung erstellt, die jetzt erneut allen Mitgliedern der dvs zur Stellungnahme vorgelegt wird.

Alle dvs-Mitglieder werden aufgefordert, zu dem nachfolgend veröffentlichten Entwurf (hier als PDF) bis zum 25. Juni 2007 Stellungnahmen abzugeben und ggf. Änderungswünsche zu äußern. Nutzen Sie für Ihre Rückmeldungen das Online-Formular oder schicken Sie Ihre Kommentare an die dvs-Geschäftsstelle.

Nach Durchsicht der Rückmeldungen wird ein endgültiger Entwurf der Erklärung erstellt, der der Hauptversammlung der dvs am 27. September 2007 in Hamburg zur Beschlussfassung vorgelegt wird.

Kontakt:

Foto: Ulrich Wagner

Prof. Dr. Martin Lames
dvs-Vizepräsident Leistungssport
Universität Augsburg
Institut für Sportwissenschaft
Bewegungs- und Trainingswissenschaft
Universitätsstr. 3
86135 Augsburg
Tel.: (0821) 598-2824, Fax: (0821) 598-2828
eMail: martin.lames@sport.uni-augsburg.de

dvs-Erklärung zum Doping (Entwurf vom 15.05.2007)

[Druckfassung des Textes als PDF-Datei]

Präambel

Das Thema Doping wird aktuell intensiv diskutiert und könnte sich als kritisch für die Rolle des Sports in der Gesellschaft erweisen. In Ergänzung zu zahlreichen existierenden Erklärungen soll deshalb hier aus der Perspektive einer Wissenschaftsorganisation, die für die akademisch organisierte Sportwissenschaft steht, auf das Thema Doping eingegangen werden. Diese Erklärung löst damit die "Oldenburger Erklärung" der dvs aus dem Jahre 1991 ab.

Begrifflich bezieht sich diese Erklärung auf Doping im Sinne des aktuellen WADA-Codes (www.wada-ama.org) von 2003 und bezieht sich damit in erster Linie auf den Leistungssport. Unabhängig davon wird betont, dass der Missbrauch von Dopingmitteln im Fitness- und Breitensport oder in der Jugendkultur ebenfalls als ein sehr ernstes und die Aufmerksamkeit der Sportwissenschaft forderndes Problem angesehen wird.

1. Verurteilung von Doping

Die dvs verurteilt Doping!

Doping ist ein Verstoß gegen die für Sport konstitutiven Prinzipien der formalen Gleichheit, des offenen Wettkampfausgangs und der Fairness. Die Regeln im Sport untersagen deshalb Doping aus guten Gründen:

  • Der primäre Sinn der Anti-Doping-Regeln besteht darin abzusichern, dass die Leistung der Sportler als individuell erbrachte, auf der Basis von Veranlagung und Training erreichte Spitzenleistung gelten kann. Auf dem Erhalt dieses Deutungsmusters sportlicher Leistungen basiert die Vorbildwirkung des Hochleistungssports, welche beispielsweise die staatliche Unterstützung legitimiert und das wirtschaftliche Interesse an Werbung und Sponsoring im Sport begründet. Mit dem Verlust dieses Deutungsmusters wäre unmittelbar das Risiko des Abgleitens des Hochleistungssports in einen reinen Showsport verknüpft.
  • Die Gesundheit der Sportler wird durch die Anti-Doping-Regeln geschützt. Zusätzlich zur Verantwortung des Sportlers für die eigene Gesundheit schützen die Anti-Doping-Regeln die Sportler, weil sich im Hochleistungssport in körperlichen und psychischen Grenzbereichen bewegt wird.
  • Schließlich ist Doping schlicht Betrug.

2. Verbreitung von Doping

Die dvs weist darauf hin, dass Doping ein in vielen Sportarten und vielen Ländern verbreitetes Phänomen ist, dessen Auftreten sich in seiner Häufigkeit keinesfalls als rückläufig erweist.

  • Selbstverständlich muss ein Sportler erst individuell des Dopings überführt werden, bevor seine erbrachte Leistung als irregulär zustande gekommen betrachtet werden kann. Wissenschaftliche Analysen der Leistungsentwicklung in einzelnen Sportarten, insbesondere auch über einen längeren Zeitraum, Aussagen von Athletinnen und Athleten sowie die durch die Kontrollinstitutionen immer wieder entdeckten Dopingfälle zeigen aber auch, dass in einigen Sportarten die Einnahme von Dopingmitteln ein wesentlicher Faktor zur Leistungssteigerung wahrscheinlich war und ist.
  • Es gibt Hinweise darauf, dass die Dopingkontrollpraktiken in verschiedenen Ländern und Sportarten unterschiedlich streng gehandhabt werden. Eine Anti-Doping-Politik ohne ernsthafte Kooperation der Staaten und Verbände ist zum Scheitern verurteilt! Deren Verpflichtung auf den WADA-Code ist eine notwendige und richtige Maßnahme zur Bekämpfung von Doping, wobei sicherzustellen ist, dass die damit eingegangenen Verpflichtungen auch konsequent erfüllt werden.
  • Es ist zu konstatieren, dass sich ein Wettlauf zwischen dem Gebrauch von Dopingmitteln und deren juristisch verwertbarem analytischem Nachweis entwickelt hat. Immer wieder werden neue Substanzen als Doping- und Dopingverschleierungsmittel eingesetzt. Dieser Wettlauf zwischen Dopingentwicklung und Dopinganalytik wird eine neue Qualität erreichen, wenn die Gentechnologie mit allen Konsequenzen zum Zweck des Gendopings missbraucht wird.
  • Die Verbreitung von Doping hat ein äußerst aufwändiges Netz der Dopingkontrolle und ein juristisches System zur rechtlich verbindlichen Sanktionierung von Dopingvergehen erforderlich gemacht, dessen Kosten sich in Zukunft noch erheblich steigern dürften, wenn hohe Kontrolldichten und neueste Analysetechniken realisiert werden müssen.

3. Ursachen von Doping

Da in der dvs alle sportwissenschaftlichen Disziplinen vertreten sind, liegen multidisziplinär, beispielsweise aus der Sportmedizin, der Trainingswissenschaft, aus Sportpsychologie und -pädagogik und besonders aus der Sportsoziologie bereits eine Reihe von Erkenntnissen zum Doping vor, die als Hintergrundwissen zum Verständnis der Ursachen oder zur Begründung von Präventionsmaßnahmen dienen können.

Hier können nur einige dieser Erkenntnisse kurz und exemplarisch genannt werden: der Nachweis von Dopingmitteln und die Charakterisierung von Wirkungen und Nebenwirkungen, die Erörterung von Möglichkeiten der aufgabenteiligen Sanktionierung von Doping durch die staatliche und die Sportgerichtsbarkeit, die Suche nach alternativen Trainingssystemen, die Höchstleistungen auch ohne Doping ermöglichen, die Analyse der individuellen Motive, die bei einer Entscheidung für oder gegen Doping eine Rolle spielen, und nicht zuletzt die Beschreibung von Funktionen und Strukturen des sozialen Systems Sport, die eine Dopingpraxis hervorrufen. Auf diese Erkenntnisse aufbauend wurden bereits erste Konzepte entwickelt, mit denen man präventiv besonders im Jugendsport vorgehen kann.

Der gegenwärtige Forschungsstand ist durch die Einsicht gekennzeichnet, dass zum tieferen Verständnis der Ursachen von Doping ein interdisziplinärer und integrativer Ansatz notwendig ist. Zwar sind grundlagenwissenschaftliche, disziplinäre Informationen über die Sachverhalte notwendig, um Aspekte des Problems zu beschreiben und zu erklären, aber wenn es um ein Verständnis der Gesamtproblematik mit dem Ziel der fundierten Konzeption von Interventionen geht, hat sich eine umfassende Betrachtung der beteiligten Systeme und eine akzentuiert pädagogische Vorgehensweise als unverzichtbar herausgestellt.

Die kurz- und mittelfristige Prognose für die Dopingproblematik kann relativ sicher abgegeben werden. Da die Ursachen von Doping eng mit den Strukturen und Funktionen des sozialen Systems Sport verwoben sind und möglicherweise sogar mit dem Wertehorizont unserer Gesellschaft korrespondieren, wird es keine schnelle und einfache Lösung des Problems geben. Es herrscht weitgehend Konsens darüber, dass weder die vollständige Freigabe von Doping noch der "gläserne Athlet" praktikable Lösungen darstellen. Es wird auf absehbare Zeit beim Wettlauf zwischen Dopingentwicklung und -analytik bleiben. Da dieser Wettlauf häufig zu Gunsten potenzieller Dopingsünder ausgeht werden zukünftig Präventionsstrategien eine wichtige Rolle spielen.

4. Forderungen der dvs

Aus der Verurteilung von Doping, seiner offensichtlichen Verbreitung und in Anbetracht seiner komplexen Ursachen ergeben sich folgende Forderungen der dvs:

  1. Es ist für den Sport auf Dauer von existenzieller Bedeutung, dass auch in Zukunft eine hohe Kontrolldichte und wirksame Sanktionen sichergestellt werden, um das Phänomen Doping einzudämmen. Die entsprechenden Organe der Dopinganalytik und -kontrolle sind dauerhaft in die Lage zu versetzen, diese Aufgabe wirksam zu erfüllen. Gleichzeitig sind präventive Maßnahmen verstärkt zu entwickeln und umzusetzen. Ohne eine effiziente und wissenschaftlich begleitete Dopingprävention wird es keine nachhaltige Lösung des Problems geben.
  2. Es ist an der Zeit, die Kräfte der Sportwissenschaft zu bündeln und einen Forschungsschwerpunkt "Ursachen und Prävention von Doping" einzurichten, in dem interdisziplinär das Phänomen in seiner Komplexität behandelt wird. Damit sind sowohl grundlagenwissenschaftliche Untersuchungen zu Ursachen und Bedingungen von Doping gemeint als auch die Entwicklung von modellhaften Interventionen und die wissenschaftliche Evaluation von Präventionsmaßnahmen. Von den Forschungsförderinstitutionen wird erwartet, dass die gesellschaftspolitische Bedeutung des Themas über den Spitzensport hinaus erkannt wird.
  3. Die Gerichtsbarkeiten von Sport und Staat sind aufgerufen, ihre je eigenen Zuständigkeitsbereiche wirksam auszufüllen.
  4. Die dvs fordert von ihren Mitgliedern, sich ihrer besonderen Verantwortung im Zusammenhang der Dopingproblematik bewusst zu werden. Vielfach beeinflussen unsere Mitglieder die Meinungsbildung von Athleten, Trainern und Verbänden und können so Zusammenhänge und Zwänge aufdecken und ihnen offensiv entgegentreten. Der Vorstand der dvs verpflichtet sich seinerseits, alle Fälle, in denen die Beteiligung eines dvs-Mitgliedes an einem Dopingfall bekannt wird, vor den Ethikrat der dvs zu bringen.

[Beschlossen von der dvs-Hauptversammlung am xx.xx.2007]