Städtische Freiräume für Sport, Spiel und Bewegung - eine interdisziplinäre Tagung zur Freiraumplanung- und -entwicklung

Tagungbericht von Prof. Dr. Robin Kähler, Sprecher der Kommission, Januar 2015


Von einer Sportstätten- zu einer Sportraumplanung

Städtische Freiräume sind ein knappes Gut. Menschen wollen mehr Freiräume in einer Stadt, die sie zunehmend zugebaut und mit Verkehr überlastet erleben. Freiräume sind für sie wertvolle Reservate geworden. Aus der Sicht der Wirtschaft sind unbebaute städtische Flächen und Freiräume potentielle wertvolle Immobilien. Es besteht daher immer ein Interessenkonflikt, wenn es um Freiräume geht. Insbesondere gilt das für die öffentlichen Räume in den Städten, wie Parkanlagen, Grünflächen, Brachen, die für das Spielen, Sporttreiben und freie Bewegen der Menschen nutzbar sind. Einerseits werden in verdichteten Städten Freiräume abgebaut oder gar nicht erst geplant. Anderseits scheint es eine Renaissance des öffentlichen Raums als Ort für private freizeitliche und auch bewegungsbezogene Tätigkeiten zu geben. Das Sportverhalten der Menschen, und damit auch die Raumanforderungen, haben sich in den zurück liegenden dreißig Jahren erheblich verändert, zudem sind in Folge des demografischen Wandels Bedürfnisse nach neuen Bewegungsangeboten und –räumen entstanden. Die meisten Menschen bewegen sich mittlerweile informell, selbstbestimmt und in vielfältigen sportlichen Formen außerhalb von normgerechten Sportstätten (Wetterich, 2014). Die Freiraumplanung kam allerdings bisher kaum in den Blick der Sportwissenschaft. Sie „überließ“ der Architektur und der Landschaftsarchitektur die Planung informeller Bewegungsräume, Spielräume und des öffentlichen Raums und beschäftigte sich raumtechnisch gesehen fast ausschließlich mit den regelgerechten Sportstätten (vgl. Kähler, 2014).

Freiraumplanung nur interdisziplinär
In den letzten Jahren hat sich die Perspektive der Sportwissenschaft allerdings deutlich erweitert. Es gibt mittlerweile eine „Kommission Sport und Raum“ in der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs), deren Mitglieder sich seit über zehn Jahren insbesondere mit der wissenschaftlichen Analyse des veränderten Sportverhaltens und der praktischen Weiterentwicklung von Bewegungsräumen befassen und die Kenntnisse auch in die kommunale Sport- und Bewegungsentwicklungsplanung einbringen (vgl. Rütten, Nagel & Kähler, 2014). Aus den Erfahrungen in den Kommunen haben sie die Erkenntnis gewonnen, dass es dringend notwendig ist, das Thema Entwicklung von Bewegungsräumen mit den Raumplanern und Stadtentwicklern interdisziplinär anzugehen. Denn festzustellen ist, dass die bisher funktional ausgerichtete Sportwissenschaft zu wenig über die Wechselbeziehung zwischen Bewegung und Raumgestaltung und über die Planungsgrundlagen der Kommunen weiß. Umgekehrt wurde auch deutlich, dass die ingenieurtechnisch ausgerichteten Experten für Raumplanung und die Kommunen weder über umfassende Grundlagen menschlicher Bewegung noch über die derzeitigen Bewegungsbedürfnisse der Menschen verfügen.
Daher war es nicht nur aus der Aktualität einer städtischen, anwendungsorientierten Freiraumentwicklung Zeit, eine Brücke zwischen Sport und Raumplanung zu bauen und miteinander über aktuelle Themen der Freiraumentwicklung zu diskutieren. Sondern es ist bei diesem Thema auch notwendig, die Grenzen der eigenen Fachwissenschaft zu überwinden, dazuzulernen, um dann gemeinsam geeignete Lösungen für eine Stadt- und Sportraumentwicklung zu finden. Die erste Gelegenheit dazu gab es im Rahmen einer internationalen, interdisziplinär ausgerichteten Fachtagung der dvs-Kommission Sport und Raum zum Thema Städtische Freiräume für Sport, Spiel und Bewegung, die in Mannheim vom 29.9.-30.9.2014 mit 80 Teilnehmern im Ratssaal der Stadt Mannheim und mit Unterstützung der Stadt Mannheim, des BISp, des DOSB und der IAKS stattfand.
Der umfangreiche Tagungsband mit allen Beiträgen wird im Laufe des Jahres 2015 erschienen.

Derzeitige Planungsrealität: Freiraumplanung „von oben“
Die Fachtagung der dvs-Kommission „Sport und Raum“ hatte bewusst einen dramaturgischen Spannungsbogen aufgebaut: Städtische Freiräume unter dem Aspekt von sportlicher Nutzung stoßen in der Praxis auf zwei grundlegende Planungsrichtungen. Es gibt eine Planung „von oben“ und eine Planung „von unten“ (vgl. Rauterberg, 2013). Damit war eine rege Diskussion vorprogrammiert.
Die Planung „von oben“ ist der staatlich, über festgelegte Planungsverfahren gesteuerte Prozess, Bewegungsräume zu gestalten, die aus vielerlei Richtungen in die Vorgaben passen müssen. Die Stadtverwaltungen verfolgen daher bestimmte Planungsprinzipien, wie Mannheims Bürgermeister Lothar Quast in seinem Referat darlegte. Freiräume sollten in diesem Kontext nachhaltige „Möglichkeitsräume“ sein, die allen Menschen eine Gelegenheit zur sportlichen Aktivität bieten. Diese Räume stehen in einem ständigen Wettbewerb um knappe Flächen und müssen politisch auch durchgesetzt werden. Innerhalb von Großprojekten, die Mannheim derzeit mit der Neugestaltung von Konversionsflächen und einer Bewerbung um die Bundesgartenschau 2023 plant, eröffne sich neue Freiräume. Das Projekt erfordert einen umfangreichen Planungsprozess. Das Ergebnis sind Bewegungsräume, die in geregelten Abstimmungsverfahren, nach politischen Vorgaben und unter der Beteiligung bestimmter bürgerschaftlicher Interessengruppen, wie z. B. Sportorganisationen, gefunden werden. Daher ist es auch verständlich, wenn die Vertreter des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Andreas Klages und Christian Siegel, in ihren Referaten und anhand des Sportparks Hamburg-Wilhelmsburg solche Sport- und Bewegungsräume von den Kommunen und Planern forderten, die ihre Mitgliedsvereine wünschen. Freiräume sind aus ihrer Sicht geplante, funktionale, moderne Bewegungsräume für die aktuellen Sport- und Bewegungswünsche wie Skaten, BMX, Slackline, Parkour, Joggen u.a. Die Bauprojekte sollten zukünftig aber mehr als bisher in einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Sportorganisationen und der kommunalen Verwaltung realisiert werden.

Eine kommunale Freiraumplanung wird, wie Christina Peterburs vom Planungsbüro STADTKINDER an dem praktischen Beispiel der Stadt Mühlheim darlegte, innerhalb eines Masterplans als Instrument der räumlichen Planung verwirklicht. Eine systematische, strategische Planung garantiere die Einbeziehung aller zu berücksichtigender Entwicklungsdaten, Bedarfe, Bedingungen und sichere ein nachhaltiges gutes Ergebnis und die Akzeptanz der Nutzer. In eine solche, umfassende Planung fällt auch die Berücksichtigung der Wirkung, die die Qualität von Freiräumen für Spiel und Sport auf die Wertigkeit des Wohnumfeldes, in dem die Freiräume sich befinden, haben. Prof. Dr. Dietwald Gruehn verwies in seinem Beitrag darauf, dass attraktive Spiel- und Bewegungsräume, z. B. Parkanlagen, den Bodenrichtwert erheblich steigern könnten. Attraktivität ist daher aus seiner Sicht ein wichtiges Kriterium für eine Freiraumplanung. Sie richtet sich, wenn sie ökonomisch betrachtet wird, dann nach den Interessen der Eigentümer eines Wohngebietes aus. Auch der Naturschutz sei zu berücksichtigen, wie Roth in seinem Referat anmahnte und gleichzeitig kritisch nachfragte, wie viel Sport der Naturraum vertrüge? Dazu wisse man noch zu wenig, wie es auch bisher noch zu geringe Kenntnisse darüber gäbe, ob und inwieweit ein Freiraum tatsächlich zur Bewegung anrege. Bei einer kommunalen Freiraumplanung seien daher Räume wichtig, die neue Mobilitäten hervorbringen. Aber auch den sozialräumlichen Kontext von Bewegung, insbesondere für Kinder, gilt es, zuvor sehr genau zu untersuchen, bevor z.B. Spielraumplanungen ergriffen werden. Wie der Beitrag von Torsten Kleine u.a. zeigte, sind hierfür zunächst methodische Verfahren zu entwickeln und zu praktizieren, die die Veränderungen der Lebenswelt der Menschen in ihren Quartieren aufnehmen.
Die augenblicklichen Grenzen einer staatlich gelenkten Freiraumplanung verdeutlichte Prof. Dr. Winiy Maas aus Holland. Er demonstrierte sehr anschaulich und eindrücklich an innovativen Entwürfen für eine bewegungsorientierte Siedlungsplanung auf Konversionsflächen der Stadt Mannheim, dass Bewegungsräume ein untrennbarer Teil des Lebensraumes sind und dieser völlig neu gestaltete werden müsse.
Ein Ergebnis konnte man aus diesen Beiträgen gewinnen: Freiräume sind, aus der Sicht einer staatlich gesteuerten Planung „von oben“, immer interessengeleitet und folgen bestimmten kommunizierten und fixierten Planungsprinzipien, die sich an dem gesellschaftlichen Auftrag der Kommune orientieren. Die Gestaltung der Räume fußt meistens auf bekannte Bewegungsformen, standardisierte Raumformen und Funktionen.

Was sind Freiräume tatsächlich?
Ein Freiraum ist im Erleben der Menschen kein freier Raum, wie die Beiträge von Roman Eichler und Christian Peters und Prof. Dr. Jürgen Funke-Wieneke ausführten. Umgangssprachlich versteht man darunter zwar solche Räume, die außerhalb von geschlossenen Räumen ausdrücklich zur freien Nutzung des Menschen im öffentlichen Raum zur Verfügung stehen. Sie sind aber keineswegs frei im Sinne ungeregelter, selbst bestimmter Verfügungsrechte über den Raum. Freiraum bedeutet entgrenzter Raum, der jenseits planerischer Prozesse aus funktionaler Sicht „unfertig“ ist. Frei sein bedeutet, dem Raum eine eigene Bedeutung zu geben, ihn nach eigenen Vorstellungen zu nutzen und sich ihn so anzueignen, dass er zum Eigenraum wird. Die Sporträume und die vorgefertigten, kommunal geplanten Räume sind eindeutig in dem Sinne, dass sie als Bewegungsräume gedacht und gefertigt worden sind und meist auch nur bestimmte Bewegungsformen hervorbringen (sollen). Räume entstehen dagegen in einem Menschen selbst, der Mensch erlebt sich räumlich. Räume sind sozial ausgerichtet, sie beziehen sich auf den Menschen. Sie stehen nicht für sich selbst.
Städtische Freiräume sind zum einen daher offene, mehrdeutige, physische Räume. Sie lassen die schöpferische Eigentätigkeit und Aneignung als etwas, was dem Menschen wichtig und sinnvoll ist, zu und stimulieren Gemeinschaft. So wiesen Antje Luchs und Prof. Dr. Monika Fikus in ihrem Beitrag anhand von Spielbeobachtungen nach, dass auf Spielplätzen die Spielgeräte (z. B. Schaukel, Rutsche) von Kindern nur kurzzeitig von Interesse sind. Flächen und naturräumliche Gestaltungsformen und Naturmaterialien strahlen dagegen eine wesentlich größere Anziehungskraft auf Kinder aus. Sie sind aus bewegungswissenschaftlicher Sicht als Motoren einer Bewegungsentwicklung eher geeignet als die funktional zwar qualitätsvollen aber wenig Vielfalt, Eigenphantasie und Mehrdeutigkeit zulassenden Spiel- und Sporträume im öffentlichen Raum einer Kommune.
Zum anderen sind Freiräume Bewegungsräume, die der Mensch in sich selbst entwirft und veräußert, bzw. in Form von Bewegung gestaltet. Dieses Bild verweist auf den Punkt Autonomie, der im nächsten Abschnitt behandelt wird.

Selbst gewählte Freiräume: Freiraumplanung „von unten“

Der Beitrag von Stephanie Haury richtete den Blick auf die räumliche Erlebniswelt Jugendlicher. Sie identifizierte vier Raumtypen, die die unterschiedliche, bewegungsbezogene Haltung der Jugendlichen zu ihrer bebauten Umwelt einnehmen. Die Jugendlichen erobern sich „ihren“ Raum zurück, indem sie ihn sportlich zweckentfremden. Sie tun dies, indem sie entweder den vorgefundenen, nicht zum Sporttreiben gedachten, städtischen Raum sportlich nutzen oder sich selbst einen Bewegungsraum gestalten. Dies verdeutlicht das Skaten im Straßenraum beispielsweise. Die sportliche Form Parkour versinnbildlicht, dass Jugendliche ihren „eigenen Weg gehen“ und sich nicht von einer als unwirtlich und menschenfeindlich erlebten, bebauten Umwelt davon abhalten lassen. Eckehart Velten Schäfer unterstrich in seinem Beitrag, dass es wichtig sei, diese Räume als „authentische“ Orte zu sehen. Würde man sie, wie Kommunen in jüngster Zeit dazu übergehen, sie als funktionale, standardisierte sportliche Räume extra bauen und an freien Orten platzieren (z. B. Skaterparks), dann verlören sie ihre Reiz als Teil ihrer eigenen Lebenswelt. Denn, wie Tore Dobberstein in seinem Beitrag sagte, greifen die Jugendlichen im Sinne eines „Hacking“ autonom und kreativ in die Stadt ein und setzen sich mit ihr auseinander. Es gibt dennoch, wie Prof. Dr. Alain Thierstein am Beispiel des Pumptrack zeigte, interessante Versuche, insbesondere in verdichteten Städten vielseitig nutzbare, und dem Bedürfnis der Jugend nach Selbstgestaltung weit entgegen kommende Räume zu schaffen.
Eine Raumplanung „von unten“ meint, zusammengefasst, daher keine geregelte, nutzerorientierte Planung im obigen Sinne, sondern sie ist eine durch Bewegung deutlich gewordene, symbolische Selbstgestaltung der Stadt.

Fazit: Gemeinsam planen
Es wurde in der Fachtagung klar, dass beide Planungswege auch in Zukunft zu erwarten sein werden und ihre Berechtigung haben. Es muss eine gesicherte, möglichst die Vielfalt der Interessen der Menschen berücksichtigende kommunale Planung und Realisierung von Bewegungsräumen in der Stadt geben. Dies ist allein schon deshalb sinnvoll, damit allen Menschen die gleichen Chancen zur selbst gewählten Bewegung gegeben werden. Die Stadt sichert die Chancengleichheit. Hierzu bedarf es in Zukunft, wie die Tagung verdeutlichte, aber einer engen Zusammenarbeit zwischen den Bewegungsexperten und den Raumplanern und der Kommunen, um aus wissenschaftlicher Sicht richtige Bewegungsräume und -anlässe zu gestalten.
Die Stadt mit ihren bebauten Räumen und Freiräumen wird in Zukunft aber immer auch Bewegungsraum für diejenigen Menschen sein, die sich autonom, nicht-organisiert und frei bewegen wollen und hierfür keine geregelten „Sporträume“ sondern Frei-Räume wünschen. Dies zu tolerieren, auszuhalten oder sogar als Bereicherung der Stadt anzunehmen, wird die fortdauernde Aufgabe der Kommunalverwaltung und -politik sein. Stadt- und Raumplanung sollten dennoch auch hier weitsichtig mit-planen. Denn die Planung städtischer Räume wäre aus Sicht der Bürger entgegen kommend, wenn sie eine Benutzung der Räume als Bewegungsräume dort integrieren, wo es grundsätzlich möglich sein könnte. Aber auch dazu bedarf es einer intersektoralen und interdisziplinären Zusammenarbeit der Experten im Planungsprozess. Mit der Tagung wurde ein erfolgreicher Anfang gemacht, diese zu gestalten. Auch der Ablauf der Tagung, die Zusammensetzung der Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus den unterschiedlichsten Fachgebieten und Berufsfeldern und die Auswahl der Partner als Unterstützer der Tagung zeigten, dass die dvs-Kommission Sport und Raum eine  Plattform für eine breite und fundierte Diskussion des Raumthemas im Sport bietet.

Literaturnachweis:
Rütten, A., Nagel, S. & Kähler, R. (Hrsg.). (2014). Handbuch Sportentwicklungsplanung. Schorndorf: Hofmann.
Kähler, R. (2014). Städtische Freiräume für Sport, Spiel und Bewegung. In Forum Wohnen und Stadtentwicklung, 5, S. 267-270.
Rauterberg, H. (2013). Wir sind die Stadt! Berlin: surhkamp.
Wetterich, J. (2014). Die Weiterentwicklung von Sporträumen als Aufgabe kommunaler Sportentwicklungsplanung. In Rütten et.al. a.a.O., S. 281-289.