dvs-Sektion Sportphilosophie

Über die Sektion

  • Sportphilosophie ist Reflexion von Sport, Sportwissenschaft und Gesellschaft
  • Sportphilosophie leistet die Bereitstellung und den Transfer von Grundlagenwissen für öffentliche Debatten
  • Sportphilosophie ist ein unverzichtbarer Teil sportpolitischer Debatten
  • Sportphilosophie stärkt das Profil der Sportwissenschaft
  • Sportphilosophie leistet einen aktiven Beitrag zur Vernetzung sportwissenschaftlicher Disziplinen

Positionspapier dvs-Sektion Sportphilosophie

Oktober 2009

Das vorliegende Papier dient der Positionsbestimmung der dvs-Sektion Sportphilosophie mit dem Anliegen, Entwicklungsperspektiven aufzuzeigen. Es ist verfasst vom Sprecherrat der Sektion (Jörg Bietz, Franz Bockrath, Volker Schürmann, Antje Stache) und dient als Grundlage der Arbeit des Sprecherrats. Es soll Ausgangspunkt eines entsprechenden Diskussionsprozesses in der Sektion und in der dvs insgesamt sein.

Aktuelle Situation
Die Situation der Sektion ist vor allem geprägt durch eine nur geringe institutionelle und curriculare Verankerung der Sportphilosophie (verstanden als Teildisziplin der Sportwissenschaft) an den sportwissenschaftlichen Instituten in der Bundesrepublik. Allerdings stabilisiert sich der Zustand, wenn auch auf niedrigem Niveau. Die Professur für Sportphilosophie an der DSHS Köln ist wieder besetzt, und die Leitung des Fachgebietes Sportphilosophie/Sportgeschichte in Leipzig ist als Juniorprofessur ausgeschrieben.

Die inhaltliche Verankerung der Sportphilosophie in der bundesdeutschen Sportwissenschaft einerseits und der akademischen Philosophie andererseits ist ambivalent. Entsprechend der geringen institutionellen Einbindung ist die Sportphilosophie in inhaltlichen Debatten und interdisziplinären Zusammenarbeiten wenig präsent. Dem steht jedoch entgegen, dass solche inhaltliche Präsenz dort, wo sie besteht, von den Beteiligten in aller Regel als fruchtbar erlebt wird.

Eine solche Ambivalenz kann man auch hinsichtlich der Präsenz in der außeruniversitären Öffentlichkeit konstatieren. Hier besteht durchaus ein spürbarer Bedarf an sportphilosophischen Überlegungen – man denke etwa an das sonntägliche Sportgespräch des Deutschlandfunk als ein Symptom dieses Bedarfs, ohne dass es bisher gelungen wäre, der Sportphilosophie ein angemessenes Gehör zu verschaffen. Die wenigen und wohlbekannten Ausnahmen bestätigen diese Regel.

Die quantitative und qualitative Größe der Sektion liegt noch oberhalb der kritischen Masse. Den wohl aussagekräftigsten Spiegel dafür bilden die Sektions-Tagungen. Es gab Tagungen, die sich als schwierig zu realisieren gestalteten bis hin zu Absagen; es gab erfolgreiche Tagungen, die mit einem relativ starken Partner (SFB Berlin) durchgeführt wurden; und nicht zuletzt gab es auch eigenständig erfolgreich durchgeführte Tagungen. Die letzte Sektions-Tagung im November 2008 in Marburg (Bewegung der Form – Form der Bewegung) war in dieser Hinsicht ein äußerst erfreuliches Zeichen. Sie war nicht nur überhaupt gut besucht, sondern in nennenswertem Umfang von, vielfach auch jüngeren, Personen besucht, die bis dato noch keinen Kontakt zur Sektion hatten.

Das mit Abstand größte und am meisten symptomatische Problem ist die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses. Ein nennenswerter Nachwuchs, der zahlenmäßig ins Gewicht fiele, ist im Augenblick nicht zu erwarten. Das zentrale Problem besteht darin, dass eine Promotion in Sportphilosophie unter Karrieregesichtspunkten weder im akademischen Bereich noch in anderen Berufsfeldern attraktiv ist. Die Situation hat sich zudem durch die Einführung der neuen Studiengänge verändert. Der dort institutionalisierte Schub hin zu einer gewollten direkten Berufsqualifizierung einerseits und Verschulung der Studieninhalte andererseits ist nicht gerade Humus für philosophisches Denken. Anders herum liegt aber gerade hier ein wichtiger Beitrag der Sportphilosophie: Will sich die Sportwissenschaft als universitäres Fach behaupten, muss sie die spezifischen Aufgaben von Universitäten wahrnehmen, und d. h. ihr reflexives Profil stärken. Eine direkte Berufsqualifizierung ist demgegenüber Aufgabe der Fachhochschulen (was nicht als Abwertung, sondern als Unter-schied in der Sache zu lesen ist). Ursache und Folge zugleich der geringen Präsenz der Sportphilosophie im Studium dürfte die Tatsache sein, dass sportphilosophische Inhalte in der schulischen Ausbildung höchstens zufällig auftauchen.

Kompetenzen der Sportphilosophie
Innerhalb der Sportwissenschaften kann die Sportphilosophie besondere reflexive Kompetenzen beanspruchen hinsichtlich

  1. der normativen Dimension von Sport und Sportwissenschaft: Als was gilt Sport? Und mit welchen Freiheiten und Verpflichtungen sind verschiedene Weisen, Sport zu treiben, innerlich verknüpft? Was bedeutet das für eine gute Sportwissenschaft?
  2. der wissenschaftstheoretischen Dimension von Sportwissenschaft: Was macht Sportwissenschaft zu einer Sport-Wissenschaft?
  3. der gegenstandskonstitutiven Dimension von Sport und Sportwissenschaft: Was macht Sportwissenschaft zur Sport-Wissenschaft?

Das ausnehmend Besondere der Sportphilosophie innerhalb der Sportwissenschaft besteht darin, dass sie zwar eine Teildisziplin neben allen anderen ist – und insofern eigene Kompetenzen, Begriffsbildungen und Verfahren hat und als solche pflegen muss, dies zugleich aber derart, dass sportphilosophisches Wissen nicht additiv zu anderem sportwissenschaftlichen Wissen hinzutritt. Sportphilosophie ist nicht noch eine weitere, zusätzliche Perspektive auf den Sport neben der bewegungswissenschaftlichen, pädagogischen, geschichtlichen, soziologischen, psychologischen, medizinischen etc., sondern eine spezifische Haltung der Reflexion sportwissenschaftlichen Wissens – und insofern nicht an ausgebildete Fachphilosophie gebunden. Sie ist überall dort im Spiel, wo Wissenschaft ihre eigenen Grundlagen reflektiert und insofern gegenüber ihrem eigenen Tun sensibel und irritierbar bleibt.

Ein Beispiel: Wenn Sportphilosophie klassischer Weise den Körper aus philosophisch-anthropologischer Sicht thematisiert, dann nicht deshalb, weil dies ein Thema wäre, das von anderen Teildisziplinen der Sportwissenschaft nicht oder nur „einseitig“ oder sonstwie unzureichend thematisiert würde. Ganz im Gegenteil: Klarerweise ist der Körper zentraler Gegenstand aller sportwissenschaftlichen Teildisziplinen. Aber man kann ihn nicht zugleich einzelwissenschaftlich-empirisch bestimmen und darauf reflektieren, welchen Begriff von Körperlichkeit man bei dieser empirischen Bestimmung zugrunde gelegt hat. In diesem Sinne verhält sich Sportphilosophie neutral zu den disziplinär bestimmten Begrifflichkeiten geschweige, dass sie diese bekritteln würde, sondern leistet kategoriale Arbeit, also die Reflexion der disziplinären Begriffe.

In einer klassischen Formel: Sportphilosophie ist Kritik der Sportwissenschaft. Und es dürfte ein Teil des Problems der Stellung der Sportphilosophie im Kanon der Sportwissenschaften sein, dass diese Formel alltagssprachlich verstanden wird, nämlich als Kritik an der Sportwissenschaft. Für Fachphilosophen ist es aber ganz selbstverständlich, dass in jener Formel der kantische Kritik-Begriff Pate steht: Kritik der Sportwissenschaft im Sinne von deren Grenzbestimmung.

Ziele der Sektionsarbeit
Das Hauptziel der Sektion muss die Stärkung des Faches sein, und zwar

  • in der Grundlagenforschung, insbesondere und nach wie vor zu den ›klassischen‹ Konzepten Sport, Körper, Bewegung, Spiel, Leistung, Gesellschaft, Natur-Kultur, Technik, das Politische etc.
  • in der Ausbildung, bis hin zu sportphilosophischen Modulen im Schulunterricht
  • in der interdisziplinären Zusammenarbeit
  • in der institutionellen Interessenvertretung, insbesondere des wissenschaftlichen Nachwuchses
  • in der öffentlichen Wahrnehmung vom kritischen Journalismus über Politikberatung bis hin zu Beratungsleistungen für Verbände und Vereine.

Dieses Ziel kann nur anhand konkreter Themenstellungen erreicht werden, an denen die spezifische Kompetenz der Sportphilosophie sichtbar gemacht werden muss. Diese Themen sind typischerweise in den klassischen Feldern Anthropologie, Ethik, Wissenschaftstheorie, Ästhetik, Sozial- und Gesellschaftstheorie, Sprachphilosophie verortet. Dort stellen sie sich je wieder neu, zur Zeit etwa unter den folgenden Topoi:

  • Gesundheit und Public Health, Enhancement, Biopolitik
  • Rolle des Sports in der (post-)modernen Gesellschaft
  • Theorie und Praxis, Wissen und Können, wortsprachlicher und nichtwort-sprachlicher Ausdruck
  • Naturalisierung des Erkennens!?, Status und Relevanz der Neurowissenschaften

Maßnahmen
(0) Durchführung regelmäßiger Jahrestagungen der Sektion
(1) Entwicklung eines sportphilosophischen „Kanons“

  • eine Sammlung grundlegender Texte (Folgeband zu Caysa: Sportphilosophie)
  • ein Lehrbuch
  • didaktische Aufarbeitung und andere Hilfsmaterialien für Lehrerinnen und Lehrer

(2) Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses

  • lokale Forschungskolloquien
  • Beteiligung an Doktorandenkollegs
  • Entwicklung eines „Beratungskatalogs“ zu Strategien und Perspektiven

(3) Internationale Vernetzung

  • Mitwirkung in transnationalen Vereinigungen (etwa der European Association for the Philosophy of Sport)
  • Nutzung internationaler Fördermöglichkeiten, vor allem auf EU-Ebene (Polen, Tschechien)

(4) Institutionelle Vernetzung, vor allem mit der DGPhil, der dvs und mit anderen Sektionen der dvs
(5) Weiterführung und Ausbau des Internetportal Sportphilosophie
(6) Förderung einer regelmäßigen Publikationstätigkeit, ggf. Etablierung einer eigenen Buchreihe Reflexive Sportwissenschaft
(7) Stärkung der Infrastruktur, insbesondere Aufbau einer Adressendatei/eines Verteilers (s.a. Punkt 5)

Positionspapier zum Download (PDF)