4. Interdisziplinärer dvs-Experten/innen-Workshop

dvs-Experten/innen-Workshop: "Sport im Kontext von Flucht und Migration"

Die Zuwanderung von Geflüchteten ist ein zentrales und aktuelles Thema von hoher gesellschaftlicher Relevanz, das drängende aber auch vielversprechende Fragen an die Sportwissenschaft aufwirft. Mit diesen Fragen hat sich der 4. interdisziplinärer dvs-Experten/innen-Workshop unter dem Titel „Sport im Kontext von Flucht und Migration“ befasst, der am 27.6.2017 am Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld stattfand. Unter Leitung von Heike Tiemann (Universität Leipzig) und Bernd Gröben (Universität Bielefeld) haben über 70 Teilnehmende über vernünftige Organisationsformen und Wirkungserwartungen diskutiert. Hierbei wurde der Stand sportwissenschaftlicher Forschung über die spezifischen integrativen Potenziale des Sports im Zusammenhang mit Flucht und Migration auf drei Ebenen aufgegriffen und hinterfragt: 

  • Bestandsaufnahme: Welche Angebote für Geflüchtete sind zu verzeichnen, welche Erfahrungen bestehen, welche Leerstellen sind zu konstatieren?
  • Wissenschaftliche Zugänge: Welches Orientierungswissen liegt vor und welche offenen Fragen stellen sich?
  • Umsetzungspraktiken (Good-Practice-Beispiele): Welche Angebote, Maßnahmen und Praxisbeispiele haben sich bewährt?


Im Rahmen von Grußworten und Standortbestimmungen wurden einleitend aus den Perspektiven der dvs (Kuno Hottenrott, Präsident), des Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport in NRW (Bernhard Schwank, Abteilungsleiter „Sport“) sowie des DSLV (Michael Fahlenbock, Bundespräsident) integrative Potenziale des Sports hervorgehoben, aber auch erste Desiderate formuliert. So stellen sich laut Fahlenbock insbesondere im Hinblick auf den schulischen Sportunterricht und Sportangebote im Ganztag noch viele Fragen.       

In ihrem einleitenden Beitrag verorten zunächst Heike Tiemann und Bernd Gröben das Thema der Tagung in der Folge des 2. dvs-Experten/innen-Workshops zum Thema Inklusion und verweisen auf die langjährige Forschungsarbeit sowie die z. T. sehr differenzierte empirische Befundlage. Der Vortrag von Andreas Zick (Universität Bielefeld) stellt dieser Standortbestimmung aus Sicht der Sportwissenschaft die Perspektive der Enkulturationsforschung gegenüber und verweist auf ein ganzes Bündel gesellschaftlicher Problembereiche und offener Fragen, insbesondere infolge der Fluchtbewegungen seit Herbst 2015. Allerdings schreibt auch Zick dem Sport integrative Potenziale zu und verweist auf die vielfältigen Beiträge der sportwissenschaftlichen Forschung und die praktische Relevanz der vielen Initiativen des organisierten Sports sowie der Angebote einzelner Akteure.

In Impulsvorträgen wurden nachfolgend historische (Michael Krüger, Universität Münster) soziologische (Ulrike Burrmann, TU-Dortmund & Michael Mutz, Justus-Liebig-Universität Gießen; Sabine Radtke, Universität Paderborn) sowie pädagogische Beiträge (Petra Gieß-Stüber, Universität Freiburg & Elke Grimminger, TU Dortmund; Vera Volkmann, Universität Hildesheim) zur Diskussion gestellt und intensiv diskutiert. Hier hat sich vor allem gezeigt, dass die Integration von Menschen mit Fluchterfahrung in den organisierten Sport umfangreich untersucht und - vor dem Hintergrund differenzierter empirischer Befunde - auch einiges an Beratungswissen vorliegt. Deutlich wurde aber auch, dass die Befundlage zu den spezifischen integrativen Wirkungen, die durch eine Teilhabe an bewegungskulturellen Angeboten über den Sport hinaus erwartet werden, deutlich weniger Erkenntnisse vorliegen. In diesem Zusammenhang erscheinen die sportpädagogischen Forschungsarbeiten zum Umgang mit Fremdheit (Gieß-Stüber & Grimminger) sowie zu Formen der sozialen Unterstützung mittels bewegungskultureller Angebote im Kontext von Schule und Ganztag (Volkmann) wegweisend.      

Vor allem im letzten Drittel der Tagung wurde in kleineren Arbeitsgruppen versucht, die verschiedenen Akteure aus lokalen Initiativen, Schulen, Verbände und Ministerien ins Gespräch zu bringen, um wissenschaftliche und vor allem auch praktische Initiativen zur Unterstützung von Menschen mit Fluchterfahrung im Kontext des Sports anzustoßen. So wurde über laufende Forschungsprojekte (Jaqueline Tuchel, TU Chemnitz; Jan Haut & Christopher Heim, Goethe-Universität Frankfurt; Jessica Süßenbach, Leuphana-Universität Lüneburg & Mirko Krüger, Universität Duisburg-Essen), Initiativen und Netzwerke („Bielefeld United“, Karsten Bremke & Janine Leifert; „Willkommen im Fußball“ - Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, Söhnke Voscherau; „Open Sunday“ - Ministeriums für Arbeit, Soziales und Integration „NRW hält zusammen“, Frank Riedel und Till Spiekerkötter) sowie aus der Arbeit in verschiedenen Sportbünden (LSB Mecklenburg-Vorpommern, Anika Jäger; LSB NRW, Mirella Kuhl & Sigi Blum; SSB und Sportjugend Bielefeld, Felix Lüppens) berichtet. Die Diskussionen in den Arbeitsgruppen spiegelt das folgende Statement eines Teilnehmenden wider:

„Für mich wurde während der Veranstaltung deutlich, dass die Sportwissenschaft im wahrsten Sinne des Wortes Wissen geschafft hat. Es liegen zahlreiche Erkenntnisse über die Potenziale des Sports im Hinblick auf Integrationsprozesse vor. Auch wissen wir was es braucht damit Integration durch und in den Sport gelingen kann. Und auch hierzu liegen zahlreiche Erkenntnisse und Konzepte vor. Aber aus Sicht der Praxis (organisierter Sport und Soziale Arbeit) fehlte mir aber eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem „Wie“. Zwar gab es mit den Beiträgen von Professorin Volkmann und Professorin Gieß-Stüber einen Bezug zu Umsetzungspraktiken und auch in den Workshops wurde darauf Bezug genommen. Aber kritisch gesehen, handelte es sich hierbei um Leuchtturmmaßnahmen, die ein Extra zu Regelangboten (OGS, offene Kinder- und Jugendarbeit sowie Sportvereinen) darstellen. (...) Mir geht es eher darum eine Debatte über das „Wie“ und eine Umsetzung der Erkenntnisse in Maßnahmen für die Regelsysteme anzustoßen. Ich denke es ist notwendig, dass aus den vorliegenden Erkenntnissen ein Handlungsleitfaden bzw. konkrete Maßnahmen abgeleitet werden, die sprach- und umsetzungsfähig für die Sportvereine, den Schulsport und die Regelangbote (OGS und der offenen Kinder- und Jugendarbeit) sind. Im besten Falle wird das „Wie“ aus der Sportwissenschaft und den Akteuren aus der Praxis entwickelt.“

Mit dem 4. Interdisziplinärer dvs-Experten/innen-Workshop sollte die im Sport bereits seit Langem etablierte Integrationsdynamik aufgegriffen, (sport)wissenschaftlich reflektiert und - zumindest perspektivisch - konstruktiv fortgeschrieben werden.

  • Primäres Ziel war es, sinnvolle und effektive Möglichkeiten des Sports mit geflüchteten Menschen aufzuzeigen, solche Initiativen zu stärken und ggf. Desiderate zu formulieren.
  • Sekundäres Ziel war es, die Grenzen des mittels Sport Leistbaren auszuloten, um Schnittstellen zu weiteren relevanten wissenschaftlichen Disziplinen, gesellschaftlichen Initiativen und Akteuren zu spezifizieren.

Diese Ziele wurden sicherlich nur in Teilen erreicht. Demnach erscheint notwendig, auch künftig eine nachhaltige und effektive Unterstützung im Kontext von Flucht und Migration zu organisieren bzw. zu unterstützen. Mithin ist mit dem Abschluss der Bielefelder Tagung das Thema auch für die dvs nicht vom Tisch. Im Gegenteil: Mit allen Akteuren werden nun weitere Gespräche geführt, um sinnvolle und effektive Angebote "des Sports“ für geflüchtete Menschen aufzuzeigen, Good-Practice-Initiativen zu stärken und – wo immer nötig – weitere Desiderate zu formulieren. Eine Buchpublikation zum Tagungsthema soll den Stand sportwissenschaftlicher Expertise einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.

Text: Bernd Gröben

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