Sportwissenschaft 2030

Symposium des Fakultätentags Sportwissenschaft vom 22.04.2016

v.l.n.r. Klaus-Michael Braumann (DGSP), André Seyfarth (Fakultätentag), Angelika Baldus (DVGS), Gudrun Doll-Tepper (DOSB), Detlef Kuhlmann (Fakultätentag), Kuno Hottenrott (dvs), Michael Fahlenbock (DSLV) und Bernd Strauß (asp).

(DOSB-PRESSE, Nr. 17, 26.04.2016) Repräsentantinnen und Repräsentanten der Sportwissenschaft sind am Freitag (22.04.2016) in Frankfurt/M. zusammengekommen, um sich mit wichtigen Fragen zur zukünftigen Ausrichtung der Disziplin Sportwissenschaft in Lehre und Forschung an den deutschen Universitäten und Hochschulen auszutauschen: „Sportwissenschaft 2030“ lautete dazu das weit in die Zukunft weisende Motto des Symposiums, zu dem erstmals der Fakultätentag Sportwissenschaft als Zusammenschluss aller rund 60 Institute und Fakultäten für Sportwissenschaft an den Universitäten und Pädagogischen Hochschulen in Deutschland in die Sportschule des Landessportbundes Hessen nach Frankfurt eingeladen hatte.

Das visionär klingende Motto „Sportwissenschaft 2030“ sollte gleichsam verdeutlichen, dass die Sportwissenschaft heute schon die Weichen dafür stellen muss, wie die Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler im Jahre 2030 das Fach vorfinden werden – denn das sind dann jene junge Menschen, die heute ein Studium des Faches Sportwissenschaft beginnen.

In seinem resonanzreichen Impulsreferat zu der Frage „Wohin will die Sportwissenschaft?“ skizzierte der Sportsoziologe Prof. Ansgar Thiel, seit 2010 Direktor des Instituts für Sportwissenschaft an der Universität Tübingen und damit Nach-Nachfolger von Prof. Ommo Grupe, Nestor der Sportwissenschaft in Deutschland, ein ernüchterndes Bild zur gegenwärtigen Situation der Sportwissenschaft in Deutschland auch im Vergleich zu den Lehr- und Forschungsressourcen anderer Fächer. Demnach „glänzt“ die Sportwissenschaft durch Unterfinanzierung. Ein Beispiel: Im Bundesdurchschnitt kommen 66 Studierende auf eine Professorin bzw. einen Professor. Im Fach Sportwissenschaft mit ca. 29.000 Studierenden und ca. 250 Hochschullehrern in Deutsch-land insgesamt beträgt die Relation dagegen 1:107. Thiel sprach sich aber auch für die dringend notwendige Ausweitung von Forschungskapazitäten (z. B. Drittmitteleinwerbung durch Beteiligung an interdiziplinären Großprojekten) aus und mahnte eine bessere „Vermarktung des Gegenstandes“ in der inneruniversitären Öffentlichkeit, aber auch außerhalb an.

Im zweiten Teil der Veranstaltung wurden Erwartungen an die „Sportwissenschaft 2030“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln präsentiert. So plädierte beispielsweise der Präsident des Deutschen Sportlehrerverbandes, Michael Fahlenbock (Wuppertal) ebenfalls für „mehr politische Präsenz der Sportwissenschaft“ nicht zuletzt deswegen, um das hehre Ziel, im Jahre 2030 einen qualitativ hochwertigen Sportunterricht an allen Schulen im Lande von ebenso fachlich ausgezeichnet ausgebildeten Sportlehrkräften gewährleisten zu können. Gleichzeitig sprach er sich für eine Expansion der Schulsportforschung aus, zumal die letzte große Schulsportstudie der Vorgängerorganisation des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) nun schon mehr als zehn Jahre zurückliegt.

Prof. Gerhard Huber (Heidelberg), Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Deutschen Verbandes für Gesundheitssport und Sporttherapie (DVGS) wies in seinem Statement auf den großen Bedarf an Professionalisierung im weiten Feld des Gesundheits- und Fitnessbereiches hin, der sich mehr oder weniger „unbemerkt“ von der Sportwissenschaft hierzulande entwickelt habe.

Erwartungen an die zukünftige Sportwissenschaft aus der Sicht der Sportorganisationen richtete Prof. Gudrun Doll-Tepper (Berlin), Vize-Präsidentin für Bildung und Olympische Erziehung im DOSB, an das Plenum. Sie erinnerte an die Unterstützung des Deutschen Sportbundes als „zentraler Motor“ bei der Etablierung der universitären Sportwissenschaft in den 1970er Jahren und unterstrich dabei erneut, dass das System Sportverein bzw. Sportverband auch zukünftig auf die Unterstützung der Wissenschaft angewiesen sei. „Der gemeinnützige Sport bietet attraktive und vielfältige Forschungsfelder mit hoher praktischer Relevanz“, sagte sie.

Ihr Statement mündete in einem Sieben-Punkte-Programm mit ganz konkreten Erwartungen an die „Sportwissenschaft 2030“: z.B. Erhöhung der Akzeptanz der Sportwissenschaft als Wissenschaftsdisziplin, Erfüllung von Mindeststandards in der thematischen Breite wissenschaftlich und gesellschaftlich relevanter Forschung und Lehre an den Instituten für Sportwissenschaft, aber auch die Einrichtung von Bachelor- und Masterstudiengängen für die Ausbildung von Trainerinnen und Trainern im Leistungssport sowie die Forderung, dass Olympismus und die „Olympische Idee“ integraler Bestandteil der unterschiedlichen Studiengänge im Fach Sport bzw. Sportwissenschaft genauso sein müssten „wie die Vermittlung von Grundkenntnissen über Aufgaben und Funktion des gemeinnützigen Sports und der öffentlichen Sportverwaltung“.

Andreas Pohlmann (Bonn) als Vertreter des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) unterstrich die Funktion der Bundeseinrichtung als „starker“ Forschungspartner und verwies auch auf die zunehmend wichtiger werdenden Serviceaufgaben des BISp im Sinne eines gelingenden Theorie-Praxis-Transfers. Für eine verstärkte internationale Präsenz von deutschen Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern sprach sich Prof. Sandra Günter (Hannover) aus, die selbst über berufliche Erfahrungen an Universitäten in der Schweiz und in Norwegen verfügt. Im Schlusswort gab Prof. Elk Franke (Berlin), von 1989 bis 1991 Präsident der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs), der „Sportwissenschaft 2030“ mit u.a. mit auf den Weg, die Kreativität zu bewahren, um Unbekanntes und Neues als Forschungsgegenstand zu entdecken, die Förderung des sportwissenschaftlichen Nachwuchses nicht zu vernachlässigen und schließlich die institutionalisierte „Einheit in der Vielfalt“ der Sportwissenschaft zu pflegen.

Schon in seinem Grußwort hatte dvs-Präsident Prof. Kuno Hottenrott (Halle/Saale) u.a. auf wichtige Arbeitsvorhaben wie z. B. die Erstellung eines Kerncurriculums für den Bachelor-Studiengang Sportwissenschaft hingewiesen, die die dvs in Zusammenarbeit mit dem Fakultätentag Sportwissenschaft und weiterer Partner aktuell verfolge. Es wurde daher auch die Arbeitsgruppe vorgestellt, die sich mit der Fortschreibung des Memorandums zur Entwicklung der Sportwissenschaft beschäftigt, um die alte Fassung aus dem Jahre 2005 möglichst schon im nächsten Jahr ersetzen zu können. Für die dvs arbeiten dort neben Hottenrott weiterhin Prof. Ilse Hartmann-Tews (Köln) und Prof. Lutz Vogt (Frankfurt) mit, ferner für den Fakultätentag Sportwissenschaft Prof. Detlef Kuhlmann (Hannover), Prof. André Seyfarth (Darmstadt) und Prof. Ralf Sygusch (Nürnberg-Erlangen) sowie Prof. Gudrun Doll-Tepper für den DOSB, Prof. Klaus-Michael Braumann (Hamburg) für die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention, Martin Holzweg (Berlin) für den Deutschen Sportlehrerverband, Prof. Bernd Strauß (Münster) für die Arbeitsgemeinschaft Sportpsychologie und Angelika Baldus (Hürth) für den DVGS.

Auf seiner 5. Bundeskonferenz am Vorabend wählte der Fakultätentag Sportwissenschaft einen neuen Vorstand gewählt: Prof. Kuhlmann als Vorsitzender und Prof. Seyfarth als stellvertretender Vorsitzender wurden einstimmig in ihren Ämtern bestätigt. Für den nach vier Jahren Amtszeit nicht mehr kandidierenden Prof. Rüdiger Heim (Heidelberg) wurde jetzt Prof. Stefan König (Weingarten) zum weiteren stellvertretenden Vorsitzenden gewählt.          

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