Geschlecht und bewegungsbezogene Bildung(sforschung)

Jahrestagung der dvs-Kommission Geschlechterforschung
18.-20. November?2010?in Hamburg

Das Miteinander der Geschlechter in Lehr-Lernsituationen im Sport (hier in einem breiten Verständnis als Bewegungskultur) ist durch eine Körperlichkeit geprägt, die sich im Alltag von Kindern und Jugendlichen und teilweise auch von Erwachsenen an kaum einer anderen Stelle in dieser Unausweichlichkeit findet. Geschlechterordnungen werden hier als Produkt einer gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit im Sinne einer "Zwischenleiblichkeit" hergestellt, die unmittelbar in die Körper und Bewegungen der Beteiligten einschreibt. Das Handeln und Erleben, insbesondere das Interagieren im Kontext Sport stellt mit der ihm eigenen Allgegenwärtigkeit des Körperlichen ein zentrales Feld der Entwicklung individueller Geschlechtsidentität dar, dem spezifische Chancen innewohnen, das aber auch einer besonders sensiblen Reflexion gängiger Praxen bedarf.

Fokussiert man sportbezogenes Handeln und Erleben nun unter dem Begriff der Bildung, so erschöpfen sie sich nicht in der bloßen Aneignung von (Bewegungs-)Kompetenzen, im Erwerb und der Anwendung von Gelerntem, sondern es stellt sich der Anspruch auf Reflexion und Mitgestaltung des Zu-Lernenden und der Lernwege: Bildung geht nicht in Ausbildung auf, sie ist auch Sorge um Sich und die Weise der Selbstgestaltung, gleichzeitig Suche nach Erkenntnis und Verständigkeit. Im Kontext von Sport und Geschlecht bedeutet Bildung auch das Erkennen der Spiel-, Sport und Bewegungskultur als gesellschaftlich Gewordenes. Ganz wesentlich bedeutet bewegungsbezogene Bildung aber auch das Erfahren eigenen Sich-Bewegens, einerseits als Eingebunden-Sein in dieses Gewordene, aber darüber hinaus auch als die Erfahrung des darin Fremdwerdens, des Überschreitens bewegungskultureller Vorentwürfe und des Entwerfens, Explorierens und Aneignens individueller Bewegungspraxen jenseits von Geschlechterdualismen.

Die Tagung widmet sich in einem ersten Schwerpunkt der Bedeutung bewegungsbezogener Bildung im Hinblick auf Fragen des Geschlechterdiskurs, z.B.:

  • Welche Lerninhalte, Lernziele und Lernwege erscheinen im Kontext von Spiel, Sport und Bewegung geeignet, die Verständigkeit der Geschlechter füreinander und einen konstruktiven Umgang mit der eigenen Geschlechtlichkeit zu befördern?
  • Welche sozialen Kontexte (bspw. mono- oder koedukative Settings) bieten den Geschlechtern spezifische Möglichkeiten des Eingebunden-Seins, aber auch des Fremd-Werdens und Überschreitens gesellschaftlich gewachsener bewegungsbezogener Praxen?
  • Welche Bedeutung kommt dem (habitualisierten oder als neu erlebten) Tun und dem reflektierenden Nachdenken im Kontext von Geschlechterverhältnissen im Sport im Hinblick auf die Initiierung von Bildungsprozessen zu?
  • Welche geschlechterbezogenen Normen und normative Prämissen lassen sich im Spektrum gängiger bewegungswissenschaftlicher und -didaktischer Konzepte ausmachen und welche Umgangsweisen damit werden empfohlen?
  • Wie stellt sich eine kritische geschlechtersensible Reflexion struktureller Aspekte von Bildungsinstitutionen dar?
  • Welche geschlechterbezogenen Fragestellungen werden in bildungstheoretischen Überlegungen diskutiert und welcher Stellenwert kommt ihnen zu?

Zu diesen und weiteren Fragen sollen theoretische Verortungen, didaktische Konzepte und konkrete Entwürfe vorgestellt und diskutiert werden.

Ein zweiter Fokus der Tagung liegt darauf, empirische Ansätze und Ergebnisse im Themenfeld zu präsentieren und/oder zu hinterfragen. Dabei interessiert sowohl die Darstellung empirischer?Befunde als auch die Diskussion von Untersuchungsdesigns im Hinblick auf den Umgang mit der Kategorie Geschlecht. Dies gilt auch und gerade für Untersuchungen, deren Fragestellungen nicht explizit auf das Geschlechterthema ausgerichtet sind, dazu aber interessante Daten liefern können. Beiträge, die in diesem Sinne "am Rande einschlägiger Geschlechterforschung" in der Sportwissenschaft liegen, sind im Rahmen der Tagung ausdrücklich eingeladen, um deren Vernetzungsmöglichkeiten mit dem Geschlechterdiskurs zu diskutieren. Beispiele für Beitragsthemen wären:

  • Welche Ergebnisse der?Evaluation bewegungsbezogener Bildungsmaßnahmen liegen hinsichtlich der?Kategorie?Geschlecht vor?
  • Welche Befunde im Hinblick auf die geschlechterbezogene Fragestellungen liegen zu bewegungsbezogenen Bildungsprozessen in außer-institutionellen Kontexten vor?
  • Welche Daten liefern weitere Studien im Kontext bewegungsbezogener Lehr-Lernuntersuchungen - möglicherweise gerade auch aus naturwissenschaftlich orientierten Disziplinen - zur Geschlechterthematik?
  • Welche Vorannahmen und Setzungen verbergen sich hinter den entsprechenden Untersuchungsdesigns?
  • (Wie) Lassen sich unter dem Fokus der Geschlechterforschung Bildungsprozesse im Kontext von Spiel, Sport und Bewegung untersuchen, ohne Geschlecht als absolute Kategorie zu vergegenständlichen?

Darüber hinaus sind natürlich auch Beiträge zur ganzen inhaltlichen Breite der sportwissenschaftlichen Geschlechterforschung willkommen.

Beitragsanmeldungen (Vorträge, Poster) können bis zum 15. September 2010 vorgenommen werden. Bitte reichen Sie dazu eine Kurzzusammenfassung (max. eine DIN A4-Seite) ein. Beitragseinreichungen und Anmeldungen zur Tagung können ab April 2010 über eine Tagungshomepage vorgenommen werden.

Für die Hauptvorträge der Tagung konnten namhafte Wissenschaftler/innen gewonnen werden, deren Arbeiten sich mit verschiedenen Aspekten des Themenfeldes beschäftigen:

  • Prof. Dr. Christoph Blomberg (Katholische Hochschule NRW, Paderborn, Lehrgebiet Theorien sozialer Arbeit / Kinder- und Jugendhilfe)
  • Prof. Dr. Hannelore Faulstich-Wieland (Universität Hamburg, Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Schulpädagogik/Sozialisationsforschung)
  • Prof. Dr. Gabriele Klein (Universität Hamburg, Bewegungswissenschaften, Abteilung Kultur, Medien und Gesellschaft )
  • Jun. Prof. Dr. Anja Tervooren (Universität Hamburg, Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Bildung und Kultur)

Im Vorfeld der Jahrestagung ist ein Satellitenworkshop für Nachwuchswissenschaftler/innen geplant, die Themen im Kontext bewegungsbezogener Geschlechterforschung bearbeiten oder andere (Qualifikations-)Arbeiten unter dem Fokus bewegungsbezogener? Geschlechterforschung diskutieren wollen.? Der Workshop startet mit einem "Get-Together" am Vorabend der Tagung (17.11.2010) und bietet am Vormittag des ersten Tagungstages die Möglichkeit, eigene Forschungsarbeiten im Kreis der Teilnehmer/innen und eingeladener Expert/innen zu diskutieren. Es sind NachwuchswissenschaftlerInnen aus allen Disziplinen der Sport- bzw. Erziehungswissenschaft sowie aus verwandten Fachrichtungen eingeladen.?Die Anmeldung zum Satellitenworkshop kann ab April 2010 über die Tagungshomepage erfolgen. Jede/r Teilnehmer/in des Nachwuchsworkshops ist aufgefordert,? bis zum 15. September 2010 eine Skizze des eigenen Forschungsvorhabens (max. 3 Seiten DIN A4) einzureichen.

Kontakt
Prof. Dr. Ingrid Bähr
Universität Bremen
FB 9 - Institut für Sportwissenschaft
Enrique-Schmidt-Str. 7
28359 Bremen
Tel.: (0421) 218-67870 oder (04241) 970337
eMail: ibaehr@uni-bremen.de

Prof. Dr. Claus Krieger /?Jan Erhorn
Universität Hamburg
Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft
Arbeitsbereich "Bewegung, Spiel und Sport"
Von-Melle-Park 8
20146 Hamburg
Tel.: (040) 42838-3186
eMail: claus.krieger@uni-hamburg.de